So gesehen unmöglich über der Stadt


Hat sich schon mal jemand gefragt, wie die Stimme von jemandem klingen würde, wenn sie an einen gutmütigen Drachen erinnern soll? Etwa so wie Grisu? Nein. Vielleicht wie Fuchur? Schon eher. Ryo trägt den Drachen im Namen und seine Stimme erinnert tatsächlich an solch einen gutmütigen Drachen mit ruhiger, tiefer Stimme. Statt des puren Glücks bringt er jedoch Musik in der man dies findet.

Nach 2 Veröffentlichungen mit seinem Projekt Ryoma (Kopfhörer Recordings) und viel Zeit für Dinge, die das Leben bringt, ist Ryo 2009 im Zughafen gelandet und hat im Oktober 2010 sein Solo Debüt Namens „So gesehen unmöglich“ veröffentlicht.

Mein erster Eindruck vom Album war folgender: „Lieder die ihre Freiheiten haben, schweben können, aber dennoch etwas Ganzes ergeben. In jeder Ecke ein Gedanke, die alle zusammen am Ende Ryo ergeben.“ Inzwischen hat sich diese erste Sicht in eine andere Richtung entwickelt.

Dieses Album zeichnet aus, dass es bunt ist, leichte, fließend-schwebende und auch etwas schwerere Melodien kennt, aber niemals zu schwer klingt. Auch die Texte sind nie negativ-grau, sondern immer mindestens ein bisschen farbig, egal wie ernst der Text ist. Außerdem hat es so unglaublich gut passende und schöne backing-vocals von André Karius und einen großartigen Song mit Cäthe Sieland im Gepäck.

In den Bildern und Wortspielen, die Ryo entwirft ist immer eine gewisse Positivität zu spüren, Humor zu finden. Dieses Album hat eine Bewegung in sich, die nur jeder für sich selbst entdecken kann. Hier sollen die Höhepunkte der Platte etwas näher betrachtet werden.

„Das Glück.“ Von fröhlich zu eher unmotiviert und wie kommt man da wieder raus? Dieser Wechsel ist musikalisch wie stimmlich wunderbar von Ryo und Andre umgesetzt. Ein Lied voller Bilder und auch von diesen ganz bestimmten, die Sprichwörter einfach weiter schreiben:

„Schütt‘ den Tee jetzt weg und wart‘ nicht mehr…“

„sitz‘ da frisier‘ meine Pechsträhne…“

(Gibt es dafür eigentlich ein passendes stilistisches Mittel?). Ein Song, der sehr viel Spaß macht!

Noch so ein Stück, das nach vorne geht und zum mitsingen einlädt ist „Schwer sein“. Das Thema des Ausbrechens, woanders sein wollens, das Unmögliche möglich machen wird in ein großartiges Bild verpackt und im Hintergrund von Andre Karius wieder wunderbar abgerundet.

„Ne Wand ist so gesehen auch nur ne Fläche auf der man laufen kann.

Drehst du dich mit? Mit jedem Schritt tritt man Nägeln vor den Kopf“

„Wünsch‘ mir lieber Glück und balancier‘ auf Hausfassaden“

„Copy & Paste“ ist noch so ein Song mit einer sehr eingängigen Melodie und dieser besonderen Art Bilder, einer Übertragung / einem Vergleich. Und auch da sind wieder wunderschöne Momente von Andre zu finden.

„Diese Stadt hier sieht fast wie zitiert aus – copy and paste – manche haben sie abgeschrieben nur so bleibt nichts hängen, wie im Papierstau“

Eine Wortspielerei, die ein wenig nach verkehrte Welt klingt, aber dennoch Sinn ergibt findet sich in „Meine Stadt“. Auch das ist eine der schnelleren Melodien mit viel Bewegung, aber auch dem ein oder anderen ruhigerem Teil.

„Ich hab‘ so ’n Gefühl vor Augen, dein‘ Geruch auf meiner Zunge. Ich schieb Kopfkino, dein Geschmack füllt meine Lunge

und auch da wieder ein verstecktes Sprichwort:

„Die Leiter reicht nicht hoch, als wär sie ’ne glatte Lüge“

„Bitte Hier“ mit Cäthe Sieland ist ein unglaublich starker Song, wohl der stärkste auf dem gesamten Album. Der Grund dafür ist,dass aus ihm so viel Ruhe strahlt, dass man fast schon zu einer Pause gezwungen wird – allerdings auf eine angenehme und gleichzeitig faszinierende Art und Weise von Melodie, Stimmen und Text. Hinsetzen und Atem holen zu diesen beiden Stimmen, die wunderbar zusammen passen.

Mindestens genauso schön wie „Bitte hier“ ist „Hör nicht auf“ mit seinem Piano-Schlagzeug-Instrumental zu Beginn. Einfach zurück lehnen und genießen…

Auch all die andern Songs sind absolut hörenswert und alle zusammen ergeben ein sehr gelungenes, rundes Album, das dich auf sympathische Weise mit nimmt, in jeden einzelnen Track und dir seine Wege zeigt.

Mit der Zeit ist das Album für mich sehr viel dichter geworden, vielleicht weil ich es teilweise anders betrachten kann, da ich es mit in meinen Alltag genommen habe. Es ist ein Album, welches mir Abstand zu mir selbst ermöglicht und immer wieder Bilder vor dem geistigen Auge ablaufen lässt und genau die sind es, die diesen angenehmen Abstand zu einem Selbst in sich tragen, möglich machen. Ein Album zum Durchatmen und dabei sein.

Einen ersten Eindruck davon, wie das Album klingt, kann man durch Hörproben auf Ryos Homepage bekommen.

Wer mehr zur Entstehung des Albums erfahren möchte, oder wissen will wer genau Andre Karius ist, kann sich das Making of ansehen:

Ryo hat nicht nur sein Solo Debüt herausgebracht, sondern war auch für das  “Von Damals Bis Heute” Mixtape  von Rapper Donato (KHR) mit an einem Song beteiligt. Wieder eine Stadt, diesmal allerdings „Über der Stadt“ zu hören ab Minute 10:02 (klickt auf den Link und ihr landet direkt beim entsprechenden Titel)

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2 Gedanken zu „So gesehen unmöglich über der Stadt

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