Was bleibt


Durch die „Ryo Liest“ Tour haben die Texte von Anne Büttner erstmals ein größeres Publikum erreicht. Seit dem 14.12.11 ist es nun soweit: ihr erstes Buch ist veröffentlicht und hört auf den Namen „Der Rest ist das, was übrig bleibt“.  Den Leser erwarten 10 Kurzgeschichten auf 80 Seiten.

Der Klappentext sagt folgendes: „Die Frage nach dem Wert des Übriggebliebenen bleibt dabei von Geschichte zu Geschichte neu zu beantworten. In diesem Artikel möchte ich, durch einen Einblick in die Geschichten, meine Antworten und Fragen dazu mit euch teilen.

 

Cover (c) anne-buettner.de

Die Stühle auf dem Cover machen den Eindruck, als hätten sie schon einiges mit erleben müssen. Stumme Zeugen verschiedenster Lebenswege und Schicksale?

„Audioretrospektive – Die Welt mit deinen Ohren sehen“ ist durchaus ein Titel den man sich mehrere Male durchlesen muss, um zu verstehen, was er sagen will. Durch Hören zurück in die Vergangenheit. Die Vergangenheit, in der Henry noch sehen konnte und Fotos von all seinen Reisen machte und entwickelte und jedes Detail seiner Fotos genau kannte.

„Damals war er überglücklich eine Dunkelkammer zu besitzen, heute ist er verflucht, in ihr zu leben.“

Sein Bruder William kennt die Fotos, denn es wird immer wieder darüber gesprochen, was zu sehen ist bzw. war und womit es in Verbindung steht. Weil sie es nie schafften gemeinsam zu verreisen holt William diese Reisen nach und lässt Henry ebenfalls (erneut) daran teilhaben – mit Hilfe von Tonbändern.

„Auch wenn Henry die Betrachtung der Originale verwehrt bleiben würde, gelang es ihm doch, Abzüge eines jeden einzelnen in seinem Kopf entwickeln. Kostenfrei. Ohne Angst vor Zerstörung der Werke durch Vandalismus oder Feuerschäden. Endlich konnte er durch das Hören wieder sehen.“

Diese Geschichte macht deutlich wie wichtig es ist sich andere bzw. neue Wege für seine Erinnerungen zu suchen, damit der Schmerz über die verlorenen, alten Möglichkeiten vergeht und das Damals nicht quälend verblasst, sondern im Jetzt begleiten kann.

„Audioretrospektive“ beschreibt die verblassende, verlorene Erinnerung und die Qual dieses Schmerzes, aber auch, dass neue Wege die Erinnerung wieder strahlen lassen und Henry wieder lebendig bzw. lebensfroh werden lassen.

Und mir stellt sich die Frage was bleibt, wenn man nur noch Erinnerungen hat, oder eben nicht mehr hat? Was lösen Erinnerungen in uns aus und welchen Wert haben sie? Was machen sie überhaupt erst wertvoll für uns, für unsere Seele?

Eintagsfliegen ist mir persönlich die wichtigste Geschichte, da ich mich teilweise selbst darin finden kann. Nämlich, wie die Protagonistin, in dem Wunsch weg zu sein, machen zu können und auch ich kenne das Gefühl, mich durch Zeiten streichen zu müssen.

„Strichlisten halfen ihr weiter zu atmen, […] so strich sie sich Tag für Tag näher an das Ende ihrer Schulzeit, den Beginn ihrer Volljährigkeit und den Abschluss ihrer Ausbildung.“

Und man spürt beim Lesen förmlich das Tempo, den ansteckenden Rhythmus, die Hetz und den Druck, den das Leben dieser Person ausmachen. Gut vorstellbar, dass die Idee zu diesem Text aus Ryos „schwer sein“ stammt: „Süchtig nach Flüchtigkeit… wo noch nichts steht und hält fühl‘ ich mich aufgehoben.“  Ich könnte mir diese Handlung außerdem wunderbar in einem Kurzfilm vorstellen.

„Essen auf die Hand, Kaffee auf den Weg, arbeiten auf Zeit, rauchen auf Lunge, sitzen auf Kohlen, trinken auf Ex, Gefühle auf null, Tacho auf Anschlag.

„Morgens Ambient, tagsüber Drum ’n‘ Bass, nachts Speedcore – ihr Puls konnte sie alle.“

Und was bleibt ist das mir so gut bekannte leicht Quälende Gefühl und die Frage nach ihren bzw. meinen Gefühlen, Wünschen, Richtungen, meinem Leben…

Ein Streifzug durch unsere Phantasie ermöglicht Farbenleere. Alle Nicht-Synästhetiker bekommen mit dieser Kurzgeschichte einen Einblick in die Wahrnehmung einer solchen Person. Auch hier gibt es einen Hauch von Verbindung zu Ryos „Meine Stadt“:

„Ich hab so ’n Gefühl vor Augen – dein Geruch auf meiner Zunge…“

Am Ende der Erzählung, habe ich das Gefühl die Hauptperson der Geschichte wartet Sehnsüchtig. Vielleicht auf die Antwort ihrer Frage, oder auf Zufriedenheit, aber vielleicht ist sie auch schon längst zufrieden, oder doch unsicher?

Er aus Abgefahren passt, so finde ich, wunderbar zu ihr aus „Eintagsfliegen“. Denn beide sind sind sich in ihrem Lebensstil sehr ähnlich. So wenig wie möglich Kontakte und wenn, dann so, dass man sie möglichst schnell und unauffällig wieder lösen kann. Noch besser: Nur Begegnungen statt Kontakte. Er erzählt ihnen etwas von einem Leben, das er nicht führt und uns wie es eigentlich aussieht. Die Geschichte beschreibt, wie uns die Menschen wahrnehmen, wenn wir ihnen nur die richtigen Brocken vor die Füße werfen. Es soll für die Menschen da draußen genau dieses andere Leben sein. Dieses Leben ohne Einsamkeit und mit Freunden und all den Dingen, die die Leute hören wollen und aus denen man bestens eine Mauer bauen kann, um sich zu schützen.

Und am Ende bleibt die Frage: darauf oder davor? Ob er und sie sich irgendwann begegnen werden? In einem besseren Leben?

Schlaglichter spricht vom Schweigen und beschreibt den schmerzhaften Anfang vom Ende, der sich im Kreis dreht.

Toast und Honig hingegen ist ein süß-saures Ende. Diese Kurzgeschichte besticht außerdem durch Metaphern  und Wortspiele in genau der richtigen Menge für Liebhaber dieser stilistischen Mittel. In „Toast und Honig“ sind die Details und Kleinigkeiten, die passieren und sich verändern sehr wichtig, weil sie eine bestimmte Bedeutung haben. Und man spürt die baldige Einsamkeit, die kommen wird…

Spielverderber scheint, neben der „Farbenleere“ aus dem Lesebegleiter, der bekannteste Text zu sein.

Als ich das Buch aufschlug, schlug mir ein gummiartiger Geruch entgegen und ich hatte sofort den Altreifenhandel vor Augen, auf dessen Gelände diese Geschichte ihr zu Hause hat. Damit sind wir auch schon mitten im Thema – Zuhause, Heimat und auch irgendwie Erziehung. Die Geschichte des Jungen und die des Hundes. Für alle, die sie noch nicht kennen, möchte ich deren Namen nicht verraten, denn das würde das überaus geniale Wortspiel zunichte machen.

„Schon am nächsten Morgen tauchte der Junge wieder auf. [Der Hund] hellwach, sobald er hörte, wie dieser mit einem Zweig, der ein Ast hätte werden können, wütend auf alles eindrosch, was ihm unter das Stück Holz kam.“

Was hätte aus dem Jungen werden können, hätte er eine andere Vergangenheit erlebt?
„Spielverderber“ macht deutlich, wie wichtig es ist, dass die Personen, um einen Menschen herum positive Vorbilder sind, Normen und Werte vermitteln. Es wird klar, wie sehr wir in unserer Wahrnehmung und unseren Erfahrungen von unserer Umwelt beeinflusst werden.

Sowohl der Junge, als auch der Hund haben kein zu Hause. Nachdem sich beide kennen, wird klar, so wie der Hund zurück gelassen wird, so (hundeelend) muss sich der Junge fühlen…

Gut vorstellbar wäre auch hier ein Kurzfilm und direkt im Anschluss die Verfilmung „Zitronenfalter, Halts Maul“ von Stefan Petermanns Kurzgeschichte „Der Zitronenfalter soll sein Maul halten“… ähnliches könnte auch der Junge in dem ihm so gut bekannten „überflüssigen Stück Welt“ erlebt haben….

Nahtlos ist eine dieser genialen Geschichten, bei der man erst am Ende mitbekommen soll, worum es eigentlich geht. Ich liebe diese Momente, denn während der gesamten Geschichte habe ich mich gefragt warum tut er das mit Helge, was für eine seltsame Beziehung haben sie und Helge und was genau ist das nun zwischen ihr und ihm? Und erst zum Schluss wird alles klar und ich sitze da und denke nur: „Nein?!, wirklich?! wie genial!“ und muss es direkt noch ein mal lesen. Geschrieben ist die Geschichte in mehreren Zeitsprüngen. Man verfolgt immer wieder was zwischen ihm und ihr passiert, ist somit in der Gegenwart und dann bekommt man rückblickend erzählt, was zwischen ihm und Helge passiert (ist).

Schöngeredet ist sehr sensibel. Ich musste es mehrmals lesen, um die schleichende Wendung der Geschichte mit zu bekommen, die alles verändert…

So und so war auch auf den Lesereisen von Ryo immer die letzte Geschichte. Und es war immer die Geschichte, welche die Menschen herzhaft lachen ließ, weil allen, das was sie da hörten, irgendwie bekannt vor kam und alle haben die Lesung mit einem positiv gestimmten Gefühl verlassen, das immer wieder aufs neue im Raum zu spüren war.

Auch in dieser Geschichte gibt es wunderbare Wortschöpfungen und ganz viel Lebendigkeit, an der man nahezu kleben bleibt, weil sie durch den Perspektivwechsel erst zu dem wird was sie ist und sein soll.

Gegensätze ziehen sich an, oder eben auch nicht….

Anne Büttners Kurzgeschichten bestechen durch wunderbare und großartige Wortschöpfungen, Metaphern und Wortspiele. Ich mag sehr, dass darauf verzichtet wird ein genaues Bild der Figuren zu zeichnen, indem detailliert beschrieben wird, was sie tragen, oder wie sie aussehen. Wenn überhaupt, dann wird nur das nötigste dazu gesagt, denn dieses deutliche Bild der Protagonisten zeichnet sich beim Lesen der Geschichten ganz von selbst.  Auch die Handlungen an sich machen dieses Buch so wertvoll, weil sie so sind wie sie sind, was der Klappentext am besten beschreibt:

„Der Rest ist das, was übrig bleibt“ ist ein alphabetisches Wimmelbuch, bei dem es so viel zu entdecken gibt, wie der Leser bereit ist, sich einzulassen. […] Nichtgesagtes und Überhörtes geben den Kurzgeschichten Kontur und schraffieren ein Stück Leben all der Tagträumer und Nachtschwärmer, Irgendwers und Jemands, die einem irgendwie bekannt vorkommen. […] Alltage und Brüche, die so verschieden sie auch waren, am Ende eines gemeinsam haben. Die Frage nach dem Wert des Übriggebliebenen…“

Meine Leseempfehlungen aus „Der Rest ist das, was übrig bleibt“:

Eintagsfliegen
Toast und Honig
Spielverderber
Nahtlos
Schöngeredet
So Und So

Das Thüringen Journal hat für seine Rubrik „Bücherkiste“ einen wunderschönen Beitrag mit Anne Büttner gedreht: Zum Artikel auf der Homepage | Direkt zum Video

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5 Gedanken zu „Was bleibt

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