Stein, Schwere, Papier – Spaceman Spiffs Instrumentalprojekt


Nachdem Spaceman Spiff sein zweites Album „… und im Fenster immer noch Wetter“ veröffentlicht hat, folgt nun sein kleines, aber feines Instrumental-Ambient-Projekt „Stein, Schwere, Papier“, das schon einige Zeit auf Bandcamp zur Verfügung steht und nun auch auf Kassette zu haben ist. Ein Zu Hause hat es bei „Katharsis und Tumult“ gefunden. Für alle, die MCs nicht (mehr) abspielen können, besteht weiterhin die Möglichkeit auf der Bandcampseite zu kaufen bzw. herunterzuladen.

Die ersten Exemplare waren auf 20 Stück limitiert und innerhalb weniger Tage ausverkauft, umso größer ist die Freude, dass der Seelenhafen davon ein Rezensionsexemplar bekommen hat. Doch es kann weiterhin bestellt werden, denn es werden weiter fleißig Cover gebastelt und Kassetten bespielt. Die Handarbeit sieht man dem Cover bei genauerem hinsehen an und das ist gut so, denn es erinnert noch mehr an die guten alten Tage mit dem Kassettenrecorder und dem Walkman. Das Cover ist nicht nur selbst zurecht geschnitten, sondern auch in schwarz oder weiß zu haben und bringt eine wunderschöne Faltanleitung für einen Origami-Vogel mit. Sieht aus, als wäre der kleine Kerl auch bei uns heimisch:

Cover

cover von stefan klein

Der erste Titel heißt Bauchweh dessen wunderschönen Trommel-Beat Jonny König beigesteuert hat. Es breiten sich auch wunderschöne Gittarrenklänge aus… und plötzlich sind Kinder zu hören und sie verschwinden wieder… und erneut nur Gitarre und Schlagzeug, deren Intensität zu nimmt, und sich erst am Ende wieder beruhigt – und es wirkt so unglaublich entspannend. Einzig die Kinder, die für kurze Zeit auftauchen, bereiten tatsächlich so etwas wie Bauchweh… man weiß nicht was sie tun, das ist nicht wirklich heraus zu hören, und dann sind sie wieder weg, aber warum?

Im nächsten Track (Ich packe meinen Koffer) gibt es eine ganze Menge Rhythmusgeräusche. Von Istrumenten und – ganz wunderbar – von Steinen. Zumindest klingt es für meine Ohren danach. Ich hab in diesen Momenten immer eine Hand voll weißer Kieselsteine vor Augen, die jemand auf einen kleinen Haufen anderer dieser schönen weißen Kieselsteine wirft (die, die man aus Hänsel & Gretel kennt). Eine Gitarre setzt ein, mit angenehmen hohen Tönen, die ich als typisch für Spaceman Spiff bezeichnen würde. Auch diese Mischung aus härten Schlaggeräuschen, anderen hohen Tönen und Gitarre wirkt sehr entspannend, nachdem man sich in Muster und Rhythmus rein gehört hat. Mit dem Rauschen von meinem Walkman und Spiffs Stimme, die sich für kurze Zeit mit einbringt, fühle ich mich wie bei einem nächtlichen Waldspaziergang (vielleicht deswegen auch die Hänsel-und-Gretel-Kieselsteine)…

Das nächste Stück hört auf den wunderschönen Namen Ne Fee verschluckt. Und schon allein beim Lesen dieses Titels Frage ich mich wie muss sich das anfühlen und was passiert mit mir, wenn ich eine Fee in meinem Bauch habe?? Kann sie dann noch – oder vielleicht überhaupt erst – Wünsche erfüllen? Ist das schöner als Schmetterlinge im Bauch zu haben? Merkt man überhaupt etwas?
Was ich aber beim Hören zu Beginn merke ist, dass sich eine angenehme und gemütliche Schläfrigkeit in mir ausbreitet, denn ich fühle mich direkt in alte Zeiten versetzt, als das Schlafen während der Autofahrten das Schönste überhaupt war… als die Autos noch Kassettenradios hatten… Ich vermute es ist ein Scheibenwischer der zu hören ist und darauf folgt ein wenig leiser im Hintergrund eine unglaublich schöne und ergreifende Klaviermelodie und dazu noch das rauschen meines  Walkmans… ein Traum!! Mehr braucht man hier nicht und es bleibt auch bei dieser wunderschönen Situation… eine schläfrig-gemütliche Autofahrt zu Kindertagen im Regen mit dieser wunderschönen Klaviermelodie, die auch mal etwas lauter wird, jedoch nicht aufdringlich, und sich meist im Hintergrund hält. Zum Schluss ist nur noch dieses unglaublich beruhigende Geräusch des Scheibenwischers zu hören. Hat das die Fee gezaubert?

Wir drehen die Köpfe ist der erste Titel bei dem es etwas lauter wird und nach E-Gitarre und Post-Rock klingt. Auch das finde ich unglaublich beruhigend und entspannend. Die E-Gitarre flammt kurz auf und verebbt schnell, um daraufhin wieder kurz und in voller Schönheit da zu sein. Dazu kommen Geräusche die nach tropfendem Wasser bzw. einem kleinen Rinnsal klingen und so etwas wie Blubbern gesellt sich dazu. All das nimmt sein lauf. So wie es sein muss. Die E-Gitarre  nimmt dabei immer mehr Raum ein und wird lauter und das Stück entwickelt eine sehr starke Atmosphäre. Bald klingt das ganze nach einem Gewitter. Bei jeder Post-Rock-Band würde danach der große Sturm ausbrechen, doch weil das Spaceman Spiff ist, ist hier Schluss.

Beim nächsten Titel habe ich immer wieder das Bedürfnis allein nur seinen Namen tröstend zu umarmen, denn er heißt Schnäuz. Er klingt allerdings nach etwas ganz anderem, als der vielleicht erwarteten Melancholie – nämlich nach einer Zugfahrt durch den wilden Westen, oder zumindest einer trockenen Wüste mit vielen Kakteen. Ich habe die ganze Zeit das Gefühl da trommelt jemand auf Rohren, oder so etwas ähnlichem, was sehr, sehr atmosphärisch klingt! Am Ende wirkt es, als würde der Zug auf einen dunklen Tunnel zu ins Leere fahren…. schnäuz (bevor es zu spät sein könnte)?

Beim vorletzten Titel kann man seiner Phantasie freien Lauf lassen und ihm selbst versuchen einen Namen zu verpassen, denn er heißt schlicht Unbenannt 1.
Er bewegt sich auch wieder eher in Richtung Post-Rock, ist aber weitaus ruhiger.

Das letzte Stück könnte man gewissermaßen als Titeltrack bezeichnen, denn dessen genialer Name ist Sch(w)ere. Hier wird wieder deutlich, was vor allem die Texte von Hannes Wittmer ausmacht: Von einer Sekunde auf die Andere das Quälende in den Alltäglichkeiten, Kleinigkeiten und auch den komplizierteren Dingen – das was uns alle beschäftigt und bedrückt – auf den Punkt zu bringen. Und genau das in Dinge zu verpacken und zu verstecken, wo man sie nicht vermutet und die uns deswegen dieses unwohle Gefühl, so kraftvoll vor Auge und Ohr führen.
Auch dieser Beat ist von Jonny König. Eine knarrende Tür ist der Beginn. So etwas wie ein Uhrenticken, Gitarre, Musik, Rhythmus. Und auch hier kann man nicht anders, als diesem Fluss einfach zu folgen und in eine Art Entspannung zu geraten.

Stein, Schwere, Papier macht „Katharsis & Tumult“ alle Ehre, denn es ist Beruhigend, fast schon Tiefenentspannend, aber auch aufwühlend…

Hört man die knapp 20 Minuten Spielzeit einmal durch, ohne sich dabei stören zu lassen, gerät man tatsächlich in einen sehr tief entspannten Zustand und kann jeden Titel auf seine Weise genießen und die kurze Spielzeit der 7 Titel ist genau richtig für Zwischendurch.

Auf dieser Kassette verbirgt sich ein kleiner Schatz, den man unbedingt gehört haben sollte und der für mich sicherlich noch häufiger erklingen wird.

Das komplette Projekt kann man sich hier in voller Länge anhören: http://steinschwerepapier.bandcamp.com/

Und welchen Namen würdet ihr „Unbenannt1“ geben??

P.S.: auch Katharsis & Tumult selbst ist eine Empfehlung wert. Dort gibt es wunderbar interessante Kleinigkeiten, Kleidungsstücke und noch mehr Kassetten und das für wirklich kleine Preise. Ein toller Ort zum Stöbern und spontan kaufen.

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Ein Gedanke zu „Stein, Schwere, Papier – Spaceman Spiffs Instrumentalprojekt

  1. Pingback: Die Sehnsucht nach dem eigenen Rhythmus und Takt | Seelenhafen

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