Flucht in Dunkelheit und Melancholie


Er kann nicht nur mit den Orsons, oder mit Plan B rappen, sondern auch Solo. Was spätestens seit „KIDS“ kein Geheimnis mehr sein sollte. Im November 2011 erschien Maeckes EP „Manx“ (inzwischen nur noch digital zu haben).

Fast alle Beats dieser EP stammen von Maeckes selbst und für ihn war dieses Projekt der Ausgleich zur experimentellen Arbeit am kommenden Orson-Album. „Manx“ ist Rap in Reinform. Text, Beat, Druck und Reime. Melodisch nichts kompliziertes, oder verspieltes. Einfach nur Beats und Texte, allerdings nicht typisch oldschool, sondern typisch Marcus Winter.

Seine Texte sind gewohnt nachdenklich, melancholisch, düster und zweifelnd.

Cover - (c) amazon.de

Zoom. Beschreibt zum einen unsere Wahrnehmung. Jeder nimmt anders wahr, denn jeder beachtet die Dinge, die ihm wichtig erscheinen, die durch Erfahrungen geprägt sind. Und zum anderen ist in diesem Song das Elend und der Dreck unserer (Groß)Städte grandios beobachtet. Musikalisch untermalt mit melancholischen Piano Melodien und fast schon kreischenden Streichern. Und dann plötzlich das Saxophon und da ist sie: die leere Straße mit dem traurig blauen Himmel und den grauen Mauern und Häusern, die mir aus „KIDS“ so bekannt vor kommen… und das Saxophon spielt seine warmen Klänge in die windige und kalte Einsamkeit hinaus, während andere in die Ecken dieser Stadt zoomen, die da am Anfang des Titels klingt.

SLBST. Ein Song dessen Botschaft gleich zu Anfang klar ist: „Sei du Selbst“. Mit einem sehr markanten Drumbeat unterlegt und Synthieklänge dazu. Auch dieses Thema wird mit dem Maeckes-Typischen Blick und Wortspiel beleuchtet:

Termiten beißen sich durch jeden Steg, den du wählst, wenn der Weg, den alle gehen dein Ziel verbietet.
Doch du musst auf dein Herz hören, rät mein Kardiologe.
Die Valiumdosis steigt täglich, wie die Zahl der Arbeitslosen.
Partydrogen – Scheißleben.
Wer viele Träume hat, Freunde hat, kann auch sehr viele verlieren.
[…]
Hätt‘ ich was zu sagen, ich würd‘ es nicht jahrelang raus schieben bis du 40 bist, hör auf dich und:

Sei du selbst.

Pisse aus Weingläsern. Ein Feature mit JAW. So makaber der Titel, so düster auch der Text und so typisch und passend klingt das für Jotta. Szenarien, dessen Ideen nur Maeckes und JAW einfallen und so in unsere Köpfe bringen können. Der Beat dazu beginnt sehr interessant mit einem Rhythmus aus Hölzern, die ein bisschen an Wassertropfen erinnern. Dazu tiefe Töne, die nach Gitarre, oder etwas ähnlichem klingen und diese dunkle und durchaus böse Stimmung erst so richtig dunkel werden lassen. Zeilen, die Bilder entstehen lassen, die mich immer wieder an einen Krimi oder viel mehr Psychothriller erinnern und anspruchsvolle Reime dazu:

jeder von euch ein einziger Designfehler
Ihr seid Krankheiten, die jedes mal vorbeigehen, wenn sie Leid sehen
Ihr scheiss Täter, keiner macht’n Fehler
Ihr hängt Wunderbäume über frisch geschaufelte Massengräber
Tagsüber wachsam vor den Fernsehgeräten,
Könnt ihr nachts nicht schlafen aus Angst vor Schläfern
Eure Philharmonien spielen Klingeltonsymphonien auf Mülldeponien
Ihr esst Früchte von Bäumen, an denen Menschen hingen
Kein Produkt dieser Welt kann uns besänftigen
Aus Angst vor immer mehr tickenden Uhren
Macht ihr Last-Minute-Urlaub in Militärdiktaturen
Per Billigflug, wer bin ich, nur lästiger Spam
Da sind keine Gesichter mehr, wenn wir die Masken abnehmen

Schneid dir die Kehle durch, auf dass ’n neuer Mund entsteht

Im ersten Moment mögen die, die vor allem JAW nicht kennen, darüber vielleicht den Kopfschütteln und sich Fragen was das soll. Doch nach mehrmaligem Hören ist es schon irgendwie genial und es ist spannend diese unbekannten Gefilde zu entdecken. Vielleicht sollten, alle, denen dieser Text sauer aufstößt, den Titel einmal ganz ohne einen tieferen Sinn dahinter hören und es als puren Rap betrachten und im reinen Umgang mit der Sprache das finden, was rein inhaltlich nicht spürbar ist – nämlich Schönheit, etwas Angenehmes und die Stärke, die in den Reimen steckt – und so schlicht und einfach die Wortspiele und Sprache genießen, auch wenn sie aus einer durchaus mörderischen Welt kommen, oder gerade, weil sie genau diese Welt sichtbar machen. Das ist die große Stärke dieses Tracks. Es entwickeln sich einzelne, mörderische Bilder, die durch die Reime auf eine sehr intensive Art zu erkennen sind, die man sonst so nicht sehen würde.

Hier steckt das Geniale definitiv in der versteckten Schönheit und in dieser intensiven Art der Bilder, dieser uns unbekannten Welt.

Auch zu diesem Song gibt es ein Video. Entstanden in Zusammenarbeit mit dem JUICE MAG:

Black Swan. Das Zweite von insgesamt drei Features auf der EP. Hier ist Plan B mit von der  Partie. Ein sehr, sehr druckvoller getriebener und dichter Beat sowohl melodisch, als auch drumtechnisch. Inoffiziell wird dieser Titel gerne als der Nachfolger von „White Trash“ bezeichnet. Die Parallelen sind definitiv nicht abzustreiten. Wobei Black Swan noch eine Spur härter erscheint. Ein Lied, bei dem man bestens Wut und Hass über das eigene Scheitern und Hoffnungslosigkeit heraus lassen kann und hinter her fühlt man sich so wunderbar leicht, auch wenn man nicht fliegen kann:

Black Swan!
Ihr habt keinen Plan,
in uns steckt kein weißer Schwan,
deshalb Black Swan!
Lass uns selber unsere Flügel schwingen,
auch wenn wir damit nich fliegen können.

Schreit Black Swan!
Sie wollen uns scheitern sehen? Okay!
Also nehmen wir uns vor zu scheitern
und scheitern hoffnungslos daran kein Problem.
Schreit Black Swan!
[…]
wir gehen nicht auf vorgegeben Wegen,
wir haben unsere eigenen Schuhe,

[…]
Zeit ist Geld laut Diamantenuhren.
[…]
exen unserere Zukunftsangst
gepanscht mit bisschen Hustensaft.

Probleme Weglächeln. Anstatt darüber zu reden. Und die Frage wie gut kenne ich Personen und wie Fremd sind sie mir wirklich? Was wird wirklich ausgesprochen, was sind die Hintergrunde diverser Probleme oder Ängste? Wie oberflächlich sind wir miteinander? Was ist Echt? Wie tief gehen wir, um zu Begreifen, verstehen wir wirklich, oder müssen wir tiefer gehen, oder überhaupt erst einmal einen ersten Schritt in Richtung Tiefe machen? Wie genau schauen wir hin?

Es scheitert nicht an der Förmlichkeit und es scheitert auch nicht, weil keiner zuhört, sondern einfach, weil’s keiner ausspricht.
Man sieht es ihnen nicht an, du läufst an ihnen vorbei, ihr trefft euch auf ein paar Bier, doch du siehst nicht in sie hinein, sie tragen Ängste in sich, lächeln Probleme weg. Wir können uns täglich treffen, vieles wird von uns nie entdeckt. Du denkst, dass du viele Leute wirklich gut kennst, doch sind sie dir so fremd.
[…]
Der Fels in der Brandung kann aus Pappe sein, Attrappe sein. Du kommst nie nah genug heran um’s zu entscheiden, oder zumindest nur bei einigen und selbst bei denen kannst du nicht 100 pro ihre Welt einsehen.
[…]
Wir begegnen uns auf Ebenen, die nichts zu tun haben mit den Mitternacht-Realitäten…

Ein harter Beat und auch da wieder Hölzer im Hintergrund. Irgendwie klingt er auch trocken, erinnert ein bisschen an hektisches Uhrenticken. Gefrickel, Geräusche, Klänge. In denen auch etwas angenehmes steckt.

Niemandsland. Mit Tua. Harte, trockene, hallende Drums, Streicher, süße, hohe Töne die nach Xylophon klingen und etwas, das eine Orgel sein könnte, strahlen zusammen mit Maeckes‘ Stimme Ruhe, und damit das wunderschön passende Gegenstück zu den Drums aus und führen gemeinsam ins Niemandsland. Das Niemandsland – eine Art kaputtes Schlaraffenland? Oder anders – ein Schlaraffenland für kaputte Seelen? Tritt ein:

Hier ist das Niemandsland, hier ist niemand daheim wie ’s scheint.
Herrscht hier Zufriedenheit, anonym und du kannst alles haben,
inklusive dem Gefühl, alles verpasst zu haben.

Hier ist das Niemandsland, hier ist niemand daheim wie ’s scheint.
Herrscht hier Zufriedenheit, alles strahlt in blassen Farben,
inklusive dem Gefühl, alles verpasst zu haben.

Willkommen in dem Land in dem Milch und Honig fließen,
doch wird die Milch schnell schlecht und der Honig klebt fest.
Und das Mondlicht hängt im Netz der Atomenergie,
Kolibris sieht man Coca ziehen um hochzufliegen,
während du der Illusion erliegst alle deine Angstzustände werden zwangsverpfändet hast du Angst du könntest ohne sie, kollabieren,  wenn dir nichts fehlt scheints als ob du alles hast, wenn jeder an sich, denkt ist an alle gedacht.
Ich lieg wach, Youtube-Videos, bring mich durch die Nacht, jede Erinnerung zerplatzt, mit jedem Bissen wird man hungriger, unsicher, wer man ist, weil um dich herum sind alle Wunderkinder.
Ungefiltert droht dich der Alltag zu vergiften, unsere Existenzen sind reine Unterhaltungsmechanismen,
denn ich werd nie erkannt, hier wurde Liebe verbannt, dafür gibts sonst alles hier im Niemandsland, na vielen Dank.

Tuas kantige Stimme und sein Flow, nehmen dem Song ein bisschen von seiner Ruhe. Auch dieser Titel wurde visuell verarbeitet:

Unperfekt. Der wohl stärkste Song auf der EP. gerade weil er so ist wie er ist. Nämlich für alle Perfektionisten, die dem Druck des Perfektionismus für ca. 4 Minuten entfliehen wollen, um diese kurzzeitig gewonnene Freiheit zu genießen und sich dabei mit diesem warmen und ruhigen, angenehmen Beat zudecken und die Augen schließen. Diese Melodie, sie ist nicht perfekt, sie leiert, klingt nach einer Kassette, die nicht mehr lange leben wird, aber genau in diesen Tönen liegt die melancholische Schönheit dieses Songs, die durch Maeckes‘ Stimme noch verstärkt wird.

Ich bin wer ich bin.
Ja,das klingt ziemlich dumm,“aber nimm mich so hin“
sage ich zu mir selbst,doch ich selbst hör‘ nicht hin,weil ich ziemlich selbstzerstörerisch bin.
Und plötzlich macht alles keinen Sinn mehr.
Imperialistische Zweifel, pfeifen ihre Hunde nicht zurück und sie beißen.
Jede meiner Sicherheiten, dann kann ich mich nicht mehr halten.
Kippe Alk in meine Wunden – ess‘ ein paar Kippenschachteln.
Für ein paar Sekunden ist dann alles egal, und die Null bin nicht Ich,sondern einfach ’ne Zahl.
Und schuld bin ich nicht,sondern wir alle zusammen.
Doch unter’m Strich – fassen wir’s zusammen mit:

Ich bin unperfekt
jeder kann meine Fehler sehen
einfach unperfekt
eine unlesbare DVD
ich bin unperfekt
und ich werde wohl nie verstehen
wie mich so (wie mich so, wie mich so=
irgendjemand lieben kann (irgendjemand lieben kann)

Dem Perfektionismus durch ein Melancholie-Bad entfliehen – tut unglaublich gut und lässt nach langer Zeit endlich wieder atmen.

Gossip. Ein durch Synthie-Klänge geprägter, acht Minuten langer Spaziergang durch Maeckes‘ bisherigen künstlerischen Werdegang. Man hört gerne zu. Wer das vertiefen möchte, sollte sich diese 30-minütige Doku ansehen. Und dann die Zeilen mit der Liebe zur Musik, die ich so sehr liebe und in den Hintergrund schleichen sich Handclaps:

Ich mach Musik für mich und eine Handvoll,
die sich nicht zufrieden geben
mit ’ner Welt die sie nur ankotzt,
weil sie mehr trinkt, als sie eigentlich verträgt
ich bin vielleicht blind, doch geh weiterhin mein Weg
mit all denen die mitgehen seit dem allerersten Tape
oder vielleicht erst seit KIDS
ihr seid meine kleine Armee,
all die, die mein‘ Originalität und Ideen bestehen
und Songs dürfen auch mal acht Minuten gehen – OK
die oft drauf scheißen, doch dann in den Laden gehen
CD’s bestellen, weil der Künstler für sie zählt
Und Kollegenlob beflügelt
ob Kollegah oder Sido, doch das zählt genauso viel
wie jede Petra die das fühlt und jeder Peter der das fühlt
und jeder Kemal der das fühlt und jeder Hater der das fühlt,
aber nur mega anonym
und vielleicht geb ich euch wenig
doch ich geb euch ganz schön viel,
von dem, was mir zur Verfügung steht,
an Blut, Schweiß und Tränen
Doch vielleicht habt auch ihr Recht
und ich bin der Verrückte hier,
denn jedes meiner Stücke ist ein Stück von mir!

Explain The World To Me (Marlon Remix). Ist ein Bonus Track und bezieht sich auf den sogenannten Google-Rap. Eine geniale Idee. Doch seht und hört selbst.

Die 8 (+1) Titel auf „Manx“ haben ihre ganz spezielle Stimmung. Düster, grau, melancholisch. Genau diese Mischung kann manchmal der angenehmste Fluchtweg sein und es gibt diese Tage, an denen die Seele genau solche Momente braucht…

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9 Gedanken zu „Flucht in Dunkelheit und Melancholie

  1. Gossip ist viel mehr noch als bloß ein Spaziergang an seiner Seite. Ich finde was in Gossip steckt, kann man mit Worten gar nicht einfangen. Man spürt es einfach. Oder hattet ihr schonmal Gänsehaut, wenn jemand dir von nem Wasserschaden in seiner Wohnung erzählt hat?

  2. suuuuuper geiler „artikel“ über das album. sehr cool mit den videos und textauszügen, viele gute infos! danke dafür *applaus

  3. Pingback: Die Orsons – Jetzt | Seelenhafen

  4. Pingback: Saluton Vivo! | Seelenhafen

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