Symbiose aus Natur und Text


Michael Müller fotografiert die Natur seiner Heimat. Hamburg. In seinem Blog
„MüllersSicht – Fotografie – Natur – garantiert subjektiv“
  verbindet er diese Worte mit (s)einer ganz eigenen Poesie.

Einen Kalender für 2012 und ein Buch über den Darß im Herbst hat er schon veröffentlicht.

Dieses Jahr folgt ein spannendes Projekt mit dem Titel „Natürliche Poesie“. 
Es erscheint als E-Book. Der erste Teil dreht sich um das gerade vergangene Quartal, welches für jede Woche der Monate Januar, Februar und März zwei Fotos bereit hält. Zusätzlich gibt es noch einmal zwei Fotos in der „MonatsSicht“. Natürlich immer mit entsprechenden Gedanken dazu.

Ich freue mich sehr, dass ich diese Rezension schreiben darf. An dieser Stelle noch einmal Danke an Michael Müller für das Exemplar.

Cover (c) Michael Müller

Die Besonderheit bei diesem Buch: die Hälfte der Fotos und Texte wurden bereits in seinem Blog veröffentlicht, alle anderen sind ausschließlich in diesem Buch zu finden.

Zu Beginn ein paar Worte aus dem Vorwort:

366 Tage. Zumindest in diesem Jahr.
Angereichert mit unzähligen Momenten.
Jeder einzelne besonders. Jeder einzigartig.
Und in seiner Fülle nicht zu beschreiben.
Oder zu erinnern.

[…]

Doch es gibt Momente, die es wert sind, festgehalten zu werden.
Die aus der Menge herausragen.
Weil sie schön sind.
Traurig, lebendig, spannend, intensiv.

Der Januar beginnt eher grau:

[…]
Ein unbekannter Künstler.
Gefangen in einer Übergangsphase.
Zwischen Resignation und Hoffnung.
Reduzierte Gemälde.
Verbunden mit dem weitgehenden Verzicht auf Farbe.

Nicht unbegabt jedenfalls.
Und in der Interpretation durchaus mit Möglichkeiten.

Aus dieser Tristesse aber wurde doch noch etwas freundlicheres:

(c) MüllersSicht | Gefühlt Winter

oder doch nicht:

Natur im Zustand tiefster Depression.
Grau, braun, unansehlich fad.
[…]
So viel Wasser konnten selbst die Gräser am Rand nicht ertragen.
Erschöpft, resigniert, ohne Hoffnung auf Besserung.
Steckten die Köpfe voller Verzweiflung ins Wasser.

Und streichelten zart die glatte Wasserfläche.

(c) MüllersSicht | Geflutet

Wenn ich mir die Blogeinträge ansehe, bin ich immer sehr neugierig auf das Foto und lese den Text nur teilweise oder auch gar nicht, sondern lasse das Foto direkt auf mich wirken und versuche zu spüren und zu sehen, was wohl dahinter steckt. Durch die Texte jedoch, bekommen die Fotos eine eigene kleine Geschichte. Ohne diese muss man die Bilder erst auf sich wirken lassen, um zu verstehen, was sie sagen wollen. Sich Zeit nehmen (etwas, was das Internet nicht so wie ein Buch kann)  – diese Seite des Zusammenspiels zwischen Texten und Fotos konnte ich erst durch das Buch intensiv entdecken. Durch die Gedanken zu jedem Foto, wird sofort klar, was da eingefangen wurde. Das ist mir besonders bei diesem Bild im Januar aufgefallen.

Seine Fotos bringen durch das Spiel mit Tiefenschärfe, Licht und Farben immer etwas Besonderes mit. So auch im Februar:

(c) MüllersSicht | Atelier Natur – WiesenSicht 4

Und während ich durch das Buch lese, merke ich, wie die Zeit einen Schritt Abstand hält. Ruhe kehrt ein. Man kann sich besinnen und sieht sich selbst in Wäldern und auf Wiesen, all die Lichter, Farben und Gedanken der Natur verfolgen. Die Texte sind, wie ich finde, ein sehr wichtiges Element, weil sie auf ihre Weise poetisch sind, denn oft wird so wunderschön und die Phantasie anregend personifiziert – ein Einblick in den März:

[…] um mich […] mit einer kleinen Krokusfamilie am Waldrand bei Dämmerung zu treffen. Obwohl sie zu dieser Uhrzeit noch ein wenig verschlafen und zugeknöpft erschien. Die Freude über den nahenden Morgen war nicht zu übersehen. (aus „Frühlingserwachen“)

[…]

Obwohl selbst das Moos hilft, Farbe zurück in den Wald zu bringen. Auf jedem Stumpf, jedem am Boden liegenden Ast scheint es sich auszubreiten. Verwandelt den Wald in einen verwunschenen. Und den Morgen in einen märchenhaften.

[…]

Ein ausgelassenes Fest, mit gigantischer Teilnehmerzahl. Und alle wollen nur eins, den Frühling begrüßen.

Selbst wenn noch nicht alle Geladenen gekommen sind. Und manch Anwesender sich noch orientieren muss.
(aus „Frühlingsfest“)

Ich habe selten so schöne Moosporen gesehen. verschwommen und doch tanzend in diesem unfassbar, atemberaubend schönen gold-gelben Licht.

Doch nicht nur die Personifikation macht die Texte aus, sondern auch, dass sie trotz der Ruhe, die sie entstehen lassen, eine Spannung auf das Bild erzeugen und man fast platz vor Neugier darauf, wie das wohl fotografisch umgesetzt wurde bzw. welches Foto zu diesen Gedanken geführt hat.

Die Texte geben den Fotos eine bereichernde Tiefe. sind der kleine, geheimnisvolle Schatz, den die Fotos in sich tragen, unsichtbar, wenn man sie nicht kennt. Man kann sie jedoch spüren und diese Bilder mit neuem Blick entdecken, wenn die Poesie nur noch als Wort klingt und nicht mehr geschrieben steht, weil man nun  auf eines der Fotos blickt und sich mitten in diese Momente versetzt fühlt.

So ist es ein sehr rundes und durchdachtes Konzept. Doch nicht nur das, denn liest man die Texte und lässt sich auf die Fotos ein, spürt man, wie der Wald und die Natur zu leben beginnen, kann sich vorstellen, was sich da Tag für Tag und Nacht für Nacht verändert, unterhält und bewegt und mit jeder Zeile, die man tiefer taucht, spürt man, dass Michael Müller die Natur liebt.

Für 5 € kann man „Natürliche Poesie – Januar bis März 2012“ erwerben. Alle weiteren Infos gibt es hier. Auf die noch ausstehenden Quartale darf man gespannt sein.

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5 Gedanken zu „Symbiose aus Natur und Text

  1. Pingback: Das neue Buch – Natürliche Poesie 01 | MüllersSicht

  2. Das ist eine klasse Rezension! Jetzt merke ich auch, was bei mir fehlt. Okay, sagen wir einfach: Wir ergänzen uns 😉
    (Ich hab mich nicht getraut, MM zu zitieren…)

    Schön, mit der Methode wieder einen neuen Blog entdeckt zu haben!

    Grüße von Ruthie

  3. Pingback: Natürliche Poesie – Rezensionen | MüllersSicht

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