Ausschau halten nach Tigern


Mit einem Autoren-Stipendium gefördert, erschien 2011 Stefan Petermanns Buch „Ausschau halten nach Tigern – Erzählungen“. Ebenfalls wie sein Debüt-Roman „Der Schlaf und das Flüstern“ Beim Asphalt & Anders Verlag, dem ich an dieser Stelle noch einmal für das Rezensionsexemplar danken möchte. Hier möchte ich einen kleinen Einblick in ausgewählte Erzählungen geben

„Stefan Petermann versteht es, mit feiner Beobachtungsgabe eigenartige und rätselhafte Figuren zu erschaffen, die sich mit ihren oftmals unvorhersehbaren zaghaften Versuchen vor dem Ungewissen zu bewahren hoffen.“

16 Erzählungen erwarten auf den, der das Buch in den Händen hält, und auf dem Cover in den blauen, makellosen Himmel blickt, den Jungen da stehen sieht, wie er mit seinem transparent-orangem Fernrohr Ausschau hält: Schlägt man es auf klingt es nach diesem unglaublich gemütlichem Knacken, das man von so vielen Büchern kennt und mich ein wenig an ein knisterndes Kaminfeuer erinnert. Vielleicht auch weil das Vorsatzpapier mir so wunderschön orange entgegen strahlt.

(c) asphalt & anders

Nachdem man von der ersten Geschichte außer Atem ist begegnet einem gewissen Glufke und es wird nicht ruhiger, denn:

„Glufke ist ein seltsamer Typ. Einer der immer sagt was er denkt, und deshalb meistens wirr spricht. Glufke ist so ein Typ, den will man im Fernsehen anschauen und nicht zu Hause haben. Der hat jederzeit ein Bett für dich, wenn du mal in der Stadt bist. […] Mit Glufke ist man nie mittendrin, sondern immer am Rand und beobachtet die, die mittendrin sind. Niemand lässt sich gern sagen er würde ein ungewöhnliches Leben führen. Und da kommt Glufke ins Spiel. Fackelt nicht lange rum, sondern sagt was Sache ist. Das kann dann auch mal unangenehm werden.“

So sieht’s also aus, wenn man mit Glufke durch die Straßen zieht. Wenn man Glufke noch ein bisschen besser kennen gelernt hat fragt man sich bald, was ist das für ein Typ, was muss passieren, damit man so sein kann wie er, so gerade heraus, sich um nichts Gedanken machen, sondern eben einfach machen, egal ob es gut ist, oder nicht. Die Antwort darauf folgt und lässt mich erst einmal inne halten:

„Jemanden wie Glufke gibt es natürlich nicht. Den hab‘ ich mir ausgedacht. Ist unproblematischer so. Laisser-faire für mich und meinem Verhalten anderen gegenüber. Und weil ich nicht ganz so gern drüber schreibe, aber trotzdem Gedanken habe. Wenn ich meine Gedanken jemandem anhängen kann wirkt das gleich viel plastischer. Glufke kann das schon ab. Das ist super einfach. Man erfindet kurzerhand einen Typen wie Glufke und lässt den all die Dinge sagen, die man sich selbst nicht auszusprechen traut. Auch die krassen. Gerade die krassen.“

Diese Idee fasziniert mich, weil auch ich diese Momente kenne und ich frage mich wie viel sich tatsächlich Verändern würde und ob es tatsächlich funktioniert. Fühle mich hin und her gerissen und weiß nicht wirklich von was. Frage mich, ob aus dieser bewusst erfundenen Figur nicht auch etwas psychotisches werden kann und erinnere mich, das ich im Zusammenhang mit dieser Erzählung mal irgendwo etwas von Schizophrenie gehört habe…

Die Geschichten und Erlebnisse werden weiterhin aus der Perspektive von der Hauptperson erzählt. Und dann die Frage, die uns zu diesem Überfall bringt:

„Es gibt immer einen Moment, der für alle, alle anderen stehen könnte. Welcher wäre es diesmal?“

Doch bevor ich weiter lese frage ich mich genau das. Ein Moment, der für alle, alle anderen stehen könnte… da klingt so viel Freiheit und ich frage mich, ob ich überhaupt so viele Momente habe, aber das ist gleichzeitig auch so etwas wie Glück. Ein Moment, ein Augenblick nur, den man ersetzen kann und nichts mehr ist festgelegt…

Der Überfall im Copy-Shop und Veronika, die die beiden einfach mitnehmen, doch niemand folgt und wieder verschwimmen die Grenzen zwischen Glufke und der Hauptperson und wieder die Frage wie real ist die gesamte Geschichte? Was ist da los?

„Am morgen wird sowieso alles so sein wie immer. Was war ist bestenfalls eine Statusmeldung auf Facebook, die einigen Freunden gefällt. Meistens nicht mal das.“

Wer sind wir und wer wollen wir sein? Wie sind wir und wie wollen wir sein?

Mit Hager entführt uns Stefan Petermann in die Gedanken einer Leiche. Mitten im tiefsten Winter, die Besuch von einem neugierigem, aufgeschlossenem kleinen Jungen bekommt. Als Hager noch lebendig war schrieb er Groschenromane.

„Hager hatte die Dinge gern unter Kontrolle und hatte lernen müssen wie unmöglich das ist. Das ging nur in Groschenromanen. Oder in den eigenen vier Wänden. Deshalb beschränkte er Kontakte auf das notwendige Maß.“

Und da ist sie wieder die Frage nach den Kontakten und wie sehr bringe ich mich ein in diese Welt. Habe ich Spaß, wenn ich etwas tue? Oder bin ich eher so wie Hager, oder so wie die Hauptperson in Eintagsfliegen in Anne Büttners Debüt? Überhaupt wäre höchst interessant zu erfahren was diese beiden miteinander erleben würden, wären sie nicht beide Tod und in verschiedenen Büchern zu Hause.

Aber so bleibt Hager bei den Tigern und der Junge bei Hager und es ist spannend zu sehen, wie Kinder die Welt sehen. Ist Hager für ihn eine Art Puppe? Er fürchtet sich nicht, er geht auf die Dinge zu. Und ich Frage mich, was in unseren Leben hat genau diese Fähigkeit in uns vergraben oder gar komplett zerstört? Sind es unsere Strukturen in denen sich unser Leben organisiert, in denen keine Zeit mehr bleibt? Doch was genau ist währenddessen in unseren Seelen verloren gegangen?

Die ersten Worte aus Vor dem Fenster haben mich gefesselt. Noch nie haben mich Worte mit solch einer unbeschreiblichen Intensität an sie gebunden und nicht mehr los gelassen! Atemberaubend!

„Sie trägt ihre Seele voll mit Wackersteinen und dennoch scheint jeder Windhauch sie fällen zu können. Zitronengelb wie das Innere eines frisch gebackenen Aschkuchens glänz ihr kurz geschnittenes Haar. Ihre Augen sind Salzseen, auf deren Oberfläche blaue Lichtpunkte treiben, darunter Trauerflorschatten, eingekerbt jede schlechte Minute ihres Lebens.“

Es könnte wohl ewig so weiter gehen und es würde mich in eine absolut intensive wahrscheinlich fast rauschhafte Welt entführen. Ich sehe es aber auch so: Gerade weil ihre Seele so schwer ist kann sie ein Windhauch fällen… Und in jeder Beschreibung, in jedem Vergleich würde ich ein Stück alt bekanntes meiner Seele wieder finden. Es ist mir fast so als säße ich da. Dieses Mädchen in der Seitenstraße, geschützt im halbdunkel. Spannend zu beobachten wie das Leben, die Hektik, all die Menschen dieser großen Stadt an ihr vorbei ziehen und sie niemand bemerkt, wie sie da sitzt mit ihrer Leinwand außer Paul, der sich zu Beginn des Kraukau Urlaubs den Magen verdirbt und mit Tobias und Sandra den Urlaub nun nicht gemeinsam verbringen kann. So machen die beiden allein die Entdeckungen, die man als Tourist so macht. Paul macht seine ganz eigene Begegnung, aus dem Fenster schauend in diese kleine Gasse. Sie bemerken einander, sind sich doch sehr entfernt. Spüren, dass da etwas ist… und ich frage mich sind es genau diese Momente zwischen den beiden die so etwas wie Nähe oder gar Seelenverwandtschaft beschreibe und man Zeile für Zeile mitbekommt, wie sich eine Beziehung entwickelt, die eigentlich doch keine ist. Vielleicht sollten wir alle häufiger mal aus Fenstern schauen und darauf achten, welche Gefühle und Geschichten uns begegnen…

(c) asphalt & anders Verlag

Die Geschichte vom Zitronenfalter. Vor längerer Zeit schon verfilmt. Die Geschichte, die ein gutes Ende zu nehmen scheint und dann irgendwie doch nicht, oder haben sie es einfach nicht anders gelernt und sind einfach so müssen zu sein, um wenigstens irgendwas vom Leben zu haben? Das erinnert mich gerade an eine Textstelle aus einem Song des Rappers Gris: „Szenenwechsel wie ein Cut – meine Hand greift sanft nach einem Schmetterling und drückt ihn langsam platt.“ (Gletscherwasser Minute 2:39)

In Schwarz vor Augen wird Liebe zur Musik beschrieben, dass was Musik zu Liebe macht, all diese besonderen Erlebnisse und Erinnerungen warum ich Musik liebe:

„Das it das Konzert, auf das wir seit zehn Jahren warten, das ist möglicherweise genau das Lied, das uns zusammengeführt hat, das ist die eine Zeile, die für siebenhundertmal Sex verantwortlich ist und für Adam, unseren grünen Leguan, für einen verregneten Griechenlandurlaub, für dreißig Mixtapes, dreihundert Briefe, dreitausend E-Mails, dreizehntausend Digitalfotos, nach Datum und nichts sonst sortiert, für eine Beinahetrennung, für eine Woche im Bett und Six Feet Under schauen, für mehr als ein Drittel zweier Leben, und ich glaube es sind bedeutsame Leben, jedenfalls sind wir bemüht sie so zu führen.

Es könnte alles so perfekt sein, während dieses Konzerts, doch Nina geht es nicht gut und auch der Hauptperson wird mehr oder mehr schwarz vor Augen, aber ist ein viel größerer dunkler Schatten über diesem Szenario vor dem Klub, denn da ist diese Angst:

„Wir werden bleiben, in Spiegeln uns in die Unendlichkeit duplizieren. Es wird Trost spenden, so viele Kopien von uns zu sehen, eine davon wird den richten Zeitpunkt schon finden.“

Dann ist da zb. noch die Erzählung von jemandem, der 5D sehen kann und das dass gar nicht so gut ist, wie es sich im ersten Moment anhört. Verwirrung stiftet bei mir Gefühlte Sicherheit. Auch nach mehrmaligem Lesen ist mir nicht klar wer wer ist und wann und wo das alles passiert… sind das wirklich Zeit und Raum Sprünge, oder ist es etwas ganz anderes? Aber gerade diese Verwirrtheit erzeugen eine ganz eigene Spannung und Atmosphäre.

Stefan Petermann entwirft in Ausschau halten nach Tigern sehr spannende Ideen und tatsächlich eigenartige und rätselhafte Figuren zu erschaffen, die den Erzählungen eine ganz spezielle Erzählweise verleihen und durchaus außergewöhnlich sind und den Leser deshalb oft nachdenklich Blicken lassen…

Einen Höreindruck einzelner Erzählungen gibts bei 1live klubbing.

Viele Geschichten wurden von verschiedenen Liedern inspiriert. Einen Einblick in diese Verbindung zwischen den Ideen und den Songs gibt es hier.

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