Saluton Vivo!


„Hallo Welt!“ – das dritte Soloalbum von Max Herre. Nach den Singer-Songwriter-Ausflügen auf „Ein Geschenkter Tag“ gibt es nun wieder Rap und man entführt uns ins KAHEDI-Radio, „das die Gestaltungsfreiheit und die „Alles Geht“-Mentalität der Piratensender auf Albumlänge überträgt. Manche Songs gehen nahtlos ineinander über, werden durch Ansagen und Einspieler miteinander verbunden, oder laufen kurzerhand ein paar Takte rückwärts“, So der Pressetext zum Album.

Außerdem hat „Hallo Welt!“ eine lange Gästeliste zu bieten, bei der ich durchaus an so mancher Stelle skeptisch war. Max beweist aber sein Händchen für Kollaborationen und überzeugt mich damit fast genauso häufig, wie ich gezweifelt habe.

Danke, an Isabel und Ju für das Rezensionsexemplar.

Cover

Hallo Welt! eröffnet das Album. Und schon hier taucht man in ein gewisses Radio-Feeling ein: Tunes, Stimmen und Worte in verschiedenen Sprachen, bevor man von Max begrüßt wird. Ein munterer, fröhlicher, leicht reggaeartiger Beat mit dem Max über einen Neubeginn singt, über Lebensfreude, Neuland und wie man sich einen Tag gestalten kann. Man merkt es ihm an – es scheint ihm gut zu gehen: Max schickt ein fröhliches Hallo in die Welt und an jeden einzelnen von uns:

„Der Moment, wenn du aufwachst, bevor du die Augen aufmachst, wenn du ein‘ Fuß schon im Tag einen noch im Traum hast und dir ausmalst, was der neue Morgen bringt. Wo gehts hin? Kind der Sonne, oder Sorgenkind?
[…]
Und ich begrüß‘ den neuen Tag […] ich will nicht länger hadern, will mein neues Leben atmen…

Ein ruhige, frühlingshafte Melodie mit sehr schön passenden Flöten. Ein reflektierender Titel. Gedanken flattern wie Schmetterlinge durch den Raum und Fragen den Alltag und seine kleine und großen Erlebnisse: Was haben wir erlebt, was können wir besser, oder anders machen, was begegnet uns? Beziehungen und Suche. Das alles ist DuDuDu. Ein Rerain, der von Max selbst gesungen wird. Mit ungewohnt hoher Stimme.

Ich hab nie geglaubt, das wir’s einfach hätten. Das Leben kommt nicht mit ’nem Beipackzettel. Manche Wogen lassen sich nicht einfach glätten, das heißt wärme entsteht an Reibungsflächen. Es ist nie vorbei, bis es vorbei ist – du hast mein Versprechen.

[…] wir sind nicht schwindelfrei, doch bevor’s noch mal in den Brunnen fällt, bringen wir dem Kind schwimmen bei.

Sich selbst noch retten können, auch wenn es eigentlich schon zu spät ist…
Vertieft in das was Max erzählt, funkt plötzlich wieder das Radio. So plötzlich wie es da war, so kurz ist es auch geblieben.

Jeder Tag zuviel mit Antonino. Ein großartiger Track auf diesem Album. Die rockig angehauchte Melodie mit der dazu passenden Stimme von Antonino im Refrain und man kann diese Wut und Resignation spüren, die in diesen Zeilen steckt. Dieser Druck der auf uns Lastet, die finanzielle Not, die sozialen Dinge, die Leiden. Das alles, was wir nicht mehr verstehen können und auch nicht mehr verstehen wollen. Ein Abbild unserer derzeitigen Gesellschaft:

Hier fehlt es nicht an Reichtum, hier geht es um Verteilung
[…]
Jeden Tag opfern wir die Zukunft für die Gegenwart
Dekadente Lebensart
Kennt kaum jeden Part
All die Dinge die wir kaufen weil sie billig sind
Obwohl die Dinge die wir brauchen nicht mal Dinge sind
[…]
Wenn Wenige fast alles haben, haben fast alle wenig
Geht’s echt noch um das was wir besitzen
Wir alle sägen am Ast auf dem wir sitzen

Dann eine kleine Überraschung. Der Song ist nicht identisch mit der Singleversion bzw. dem Video. Max verabschiedet sich mit seinem Radiosender und plötzlich schwingt der Song um in einen souligen Beat und ich höre Joy Denalane(?). Aber leider, leider viel zu kurz.

Direkt darauf folgt die verzweifelte Wolke 7 mit Philipp Poisel.

Ein Song, der absolut für sich spricht, vor allem auch, wenn jeder Tag zuviel ist.
Ich liebe den Solopart von Philipp mit seiner Akustikgitarre und dem aufhorchen der E-Gitarre.

Solang mit Tua. Eine sehr spezielle Stimmung in dieser Melodie,  durch das Sample, in diesem Song. Ausbrechen, gefangen sein, Zukunft, keine Flucht, abgestumpft sein, Einsamkeit. Zwischen sich verloren fühlen, der Suche nach etwas, was halt gibt und dem Wunsch etwas erlebt haben zu wollen. Der Refrain diesmal wieder von Max gesungen – sehr angenehm und entspannt zu diesem ruhigen Beat. Tuas Part ist gut, aber Tua ist gleichzeitig auch nicht unbedingt mein Geschmack, Maeckes hätte mir an dieser Stelle besser gefallen, aber dazu sollte sich jeder sein eigenes Urteil bilden.

 [Max] Wir alle wollen hier raus, wenn wir nur wüssten wie, irren durchs Labyrinth, sagt wo geht es hin? Es fühlt sich an wie ’84 im orwellschen Sinn. Und es führt kein Weg zurück in die Zukunft, es fehlt ’ne Dimension, Perspektive ohne Fluchtpunkt…

Ein Beat mit Energie und Entschlossenheit. Bläser, Bass, tolles Schlagzeug und eine E-Gitarre, die sich festkrallt – Einstürzen, Neubauen. Samy und Max rappen und reimen abwechselnd und verbeißen sich und ihren Zorn, wie wütende Hunde:

[Max] Zurück in der Höhle – Siegfried der Drachentöter – dieser Beat hier macht aus mir ’n Straßenköter
[…]
[Samy]Wir werden beschallt von Monotonie in Stereosound, zahlen vollen Eintritt, nur um in die Leere zu schauen.

Lasst eure Wut raus, werdet aktiv, macht kaputt, was euch kaputt macht. Der altbekannte Slogan. Er macht Spaß, weil er so klingt wie er klingt und weil man den Zorn von Max und Sam spüren kann. Auch das Samy-Feature ist kein Fehltritt. Er wirkt frisch und deutlich angenehmer und besser als auf so manchem Titel seiner letzten Alben.

Raus kucken, aufmucken, laut diesen Sound pumpen
Alte Welt, neuer Traum: Einstürzen, Neubauen!!
Mach kaputt, was dich kaputt macht!
Mach kapuut, was dich kaputt macht!

1992. Zurück in alte Zeiten. Sehr schöner Oldschoolbeat und dazu eine Brise Heute, mit einem Kontrabass, ein Bläser und ein paar weitere Klänge. Doch nicht nur der Beat, sonder auch die Lines sind wie in alten Zeiten. Ein Track den man immer und immer wieder genießen kann. Und dann ein Schnitt und ein Mädchen beginnt zu rappen, dazu eine eher mittelmäßige Beatbox im Hintergrund. Hören wir da die kleine Vida?? Ein sehr, sehr schöner, sympathischer Moment. Eine kleine Rap-Perle, dieser Titel.

Denn Vida heißt auch der darauf folgende Song. Eine Ode an das Leben und ein Lied für seine Tochter Vida. Einer der Höhepunkte auf der Platte. Ein wunderschön souliger Beat mit Aloe Blacc im Refrain, der absolut zu diesem Song und diesem Sound passt, wo ich zuvor doch ein wenig bedenken hatte, ob das gut gehen könnte, aber es geht gut, sogar sehr gut.

So viel Wärme, beschützendes in der Gitarre und gleichzeitig etwas von Freiheit, vor allem in den Bläsern, klingt in dieser Melodie. Ein Song zum Träumen.

Du kamst in diese Welt, als Tochter der Sehnsucht, des Lebens nach sich selbst – Vida. Ein Leben und mein Kind und nur weil du bist hat das Leben seinen Sinn…

Ein sehr, sehr liebenswerter Song. ♥

KAHEDI-Dub wird mit einer Radioansage eingeleitet. Sehr angenehm. Noch so ein Oldschooltrack im entspannten Reggaesound und mit Marteria, dessen tiefe und entspannte Stimme passt ebenso gut. Auch Marterias Lines sind keine Enttäuschung. Dieser Titel war auch der, der mich in den Teaservideos mit am Meisten gefesselt hat. Diese Zeilen sind einfach zu gut:

[Max] Mit 13 wollt ich singen wie Bob Marley, jetzt bringt der Junge concious Rap zurück wie Blocparty
[…]
Der Sound schockt wie Stoff, den ihr die Nase hochzieht.
[…]
Ich hab „Rap“ in die Buchstabensuppe gespuckt.
[Marteria] Es war genau wie bei „Karate Kid“: Aus dem Kino raus mit dem Ich-Mach-Jetzt-Karate-Blick

Berlin -Tel Aviv mit Sophie Hunger. Ein berührender Song. Ernst und Nachdenklich. Er erzählt die Geschichte einer Familie während der NS-Zeit. Es ist ein Song, der Zeit braucht, den man wirken lassen sollte  – in all seinen Ebenen…

Rap ist mit Megaloh. Ein pumpender Beat und das, was Rap (für Max und Megaloh) ist.

[Max] Rap ist Soulmusik – Du wirst nie ein guter Rapper, wenn du Soul nicht liebst.

[Megaloh] Rap ist Cypher in der U-Bahn mit ’ner Beatbox

Megaloh bringt auch einige schöne Bilder zum Thema „Rap ist…“ aber ich persönlich kann mit ihm nicht viel anfangen. Dieses Feature ist nicht besonders glücklich gewählt, wenn man mich fragt. Für mich, will das nicht so recht passen.

Dafür gefällt aber das Feature mit Cro und Clueso in Fühlt sich wie fliegen an, umso besser. Besser als erwartet. Natürlich auf einem sommerlich fröhlichen, lockeren Sound, der aber trotzdem nicht an Ernsthaftigkeit verliert, nicht abrutscht. Also genau die richtige Dosis Cro. Gute Laune und Spaß am verliebt sein. Clueso hingegen fällt sehr viel schwerer auf. Eine Zeile singt er und ich musste zu Anfang mehrmals sehr genau hin hören, um ihn heraus zu hören. Aber das schmälert diesen guten Track keineswegs.

Max Herre bringt mit „Hallo Welt!“ ein mehr als gelungenes Album heraus. Ein Album, das alles hat, was man sich nur wünschen kann: Rap, Soul, Gesang, Musik, Beats, Oldschool, Newschool, Nachdenkliches, Verzweifeltes und Schönes.

Vor allem ist „Hallo Welt!“ aber ein Album über das Leben. In all seinen Facetten kann man es in diesen 15 Tracks entdecken. Max heißt es Willkommen, schickt es zu uns über seinen fiktiven Piratensender KAHEDI-Radio: Saluton Vivo! Hallo Leben!

Hier findet ihr noch einmal alle Videos, die einen Einblick in die Albumentstehung geben.

Auch empfehlenswert: Das Backspin-Interview zum Album.

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