Vom Hinterhof- ins Kopfkino


Es war mir eine so unglaublich große Freude, als ich das Album aufschlug und dort viele, viele bekannte Namen gefunden habe und vor allem auch solche, mit denen ich im Zusammenhang mit der Band im ersten Moment gar nicht gerechnet habe. Denn da wären Paul Tetzlaff aus der Clueso Band, Alin Coen (Band), Andre Karius, und Chapeau Claque. Viele, viele Namen, die dem Seelenhafen nicht unbekannt sind auch der Zughafen fehlt im Booklet natürlich nicht. Der Zughafen – meinem (musikalischem) Herzen so etwas wie ein Heimathafen.

Doch zuvor faszinierte mich das Cover, weil ich auch da Dinge entdecken konnte, die ich über die ferne durch den Bildschirm hinweg nicht erkennen konnte. Und auch diese unglaubliche Strahlkraft und Intensität der Bilder – beeindruckend. Und auch da wieder so etwas wie ein alter Bekannter, nämlich Tino Sieland.

Die Rede ist vom Debüt Album „Backyard Cinema“ der Band Mr. Bugslow. Sie selbst beschreiben ihre Musik als alternative Jazz bzw. electrophonic live Music.

Mr. Bugslow sind Christian „Koli“ Kohlhaas an der Posaune – dem ein oder anderen so auch aus der Band von Clueso bekannt, sowie David Schwarz an den Tasten, Philipp Martin am Bass und Jörg Wähner am Schlagzeug.

Danke, an Thilo von Mons Records, für das Rezensionsexemplar.

Cover
(c) Monsrecords.de

Ein verlassenes, altes, verfallenes Gebäude. Ich liebe all den Dreck und Schmutz daran. Jede Schramme, die die Zeit an diesem Gebäude hinterlassen hat, trägt zur Atmosphäre bei. Besser hätte man ein Hinterhof-Kino kaum treffen können. Auch der intensive Himmel und die verwaschenen Wolken tragen etwas ganz eigenes in sich. Ich mag den Blauton (im original etwas dunkler, als auf dem Bild hier) des Himmels, er hat etwas kühles, aber gleichzeitig auch etwas einladendes.

Und dann entdeckte ich da zum ersten mal diese Blasen auf dem Cover. Sind das Seifenblasen? Ist das so etwas wie Wasser, oder ist es irgendwie verchromt? Für mich ist das die Musik, der Jungs, die sich da in ihrer Formbarkeit und Wandelbarkeit abspielt.

Dieser Artikel soll einen Einblick in ausgewählte Songs geben.

Prolog. Mit ihm startet das Album. Es beginnt mit so etwas wie einem Ticken, Bass und Schlagzeug kommen vorsichtig dazu. Und dann dieser spezielle Ton / der Effekt auf der Posaune, der mir aus irgendeinem Clueso-Song so sehr bekannt vor kommt…. nur welcher??  Die Posaune klingt so wunderschön, ein wenig düster, metallisch ein bisschen melancholisch und irgendwie weit. Und dann dreht sich das ganze: Kein Effekt mehr auf der Posaune und sie klingt, wie man sie kennt und bringt so eine unglaublich große und Lebensbejahende Melodie mit! Die Tasten und der Bass mit tiefen angenehmen Tönen dahinter – von da aus entwickelt sich das Ganze vor allem Hinter der Posaune, sie trägt das Thema durch den gesamten Song und auch dieser schöne Effekt kommt wieder. Auch das Ende ist sehr, sehr gelungen.

Hector ist wohl der lauteste Track auf dem Album mit sehr viel Druck und sehr dicht, fast schon ein wenig aggressiv. Schlagzeug, Posaune und Bass sind hier vor allem die treibenden Kräfte. Es entwickelt sich aus allen Instrumenten ein dichtes Geflecht, das deutlich nach vorne schiebt. Doch plötzlich fällt es zusammen, zerbricht. Es fühlt sich an als würde in einem großen Bürogebäude einer alles beherrschenden Untergrund-Firma der USA sämtliche Technik ausfallen… ein Erdbeben? Eine feindliche Übernahme? Nachdem sich der letzte Staub gelegt hat, quält sich Hector aus den Trümmern hervor, ein wenig verwirrt scheint er noch und vor allem ist er leiser geworden, doch das Adrenalin ist noch im Blut. Doch auch das legt sich und wird eher zu so etwas wie Vorsicht und auf der Hut sein, bis er verstummt…

Hier eine Live-Aufnahme, die noch mal um eine gute Minute länger ist, als die Album-Version:

Darauf folgt der Titel Gilgamesch, der mich vor allem wegen seines Basses und des Schlagzeugs fesselt. In When The Chimes End klingen diese Glocken und ich muss unweigerlich an die Harry Potter Verfilmungen denken, und dann gibt es eine kurze Sequenz, die an Hector erinnert, aber genauso schnell auch wieder verschwindet.

Aber einer meiner absoluten Lieblinge auf diesem Album ist Club Liquid. Geschrieben von Mr. Bugslow zusammen mit Paul Tetzlaff. In der Posaune, Bass und den Tasten klingt so viel Wärme, Entschleunigung und Freundlichkeit. Zu Anfang etwas, in das man sich fallen lassen kann und das einen sicher auffängt. Das ganze entwickelt sich vom Schlagzeug angetrieben zu etwas energetischem, das zum Tanzen einlädt und wieder etwas ruhiger wird. Und da ist sie wieder zum Schluss… diese magische Bass-Melodie mit dieser unbeschreiblichen wärme und liebe…

Noch so ein Liebling ist Atacama. Die Posaune klingt, als würde sie die ganze Zeit etwas ganz wichtiges und bestimmtes erzählen, oder nach jemandem rufen… vielleicht in einem Wald? Ich mag auch das Schlagzeug, das scheinbar einen etwas anderen weg geht und dazwischen der Bass mit den immer selben Tönen, der Einzige, der sich seines Weges sicher zu sein scheint… und so langsam deutet sich ein finden an, eine Melodie der Tasten, die ein wenig Mut mitbringt und plötzlich ist sie da: die Freude, die Wärme, vor allem durch Posaune und Tasten. Es fühlt sich an wie ein großes Wiedersehen und die ebenso große Freude darüber, dass man den Weg jetzt gemeinsam gehen kann. Nach der ersten großen Freude bleibt das kribbelnde Glück von Schlagzeug, Bass und Posaune… und die Frage: Ist man angekommen? In Atacama?

Ein Album, das Geschichten erzählt. Wahrscheinlich für jeden andere, aber sie lohnen sich und verändern sich, wenn man sich Zeit mit ihnen lässt. Backyard Cinema ist auch ein Album, das man unbedingt live erleben sollte, denn all das was man mit diesem Album erleben kann wird live um ein vielfaches intensiver sein und man wird noch viel, viel mehr entdecken können.

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2 Gedanken zu „Vom Hinterhof- ins Kopfkino

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