Brandungspuzzle


Eine Review-Anfrage hat den Seelenhafen erreicht. Ein große Überraschung, denn so oft bekommt der Seelenhafen gar keine Anfragen. Noch größer wurde die Freude über die Anfrage, als ich in die Songs rein hörte und von Beginn an wusste, dass diese Musik genau mein Geschmack ist und noch dazu wirklich, wirklich gut gemacht, für eine so kurz existierende Band. Wassermanns Fiebertraum nennen sie sich und spielen Post-Rock Songs.

Zu einer Band zusammen gefunden haben sich Christian (Gitarre), Michael (Gitarre), Peter (Schlagzeug) und Reinhard (Bass) im Sommer 2011. Alle kommen sie aus Niederbayern, aber studieren nun verstreut in Niederbayern und Österreich.

Bisher veröffentlichte man eine (digitale) Mini EP und eine Single (ebenfalls digital). Die Single gehört zum Album „Brandung“, welches im April 2012 erschienen ist.

Wer mehr über die Band, deren Namen usw. erfahren möchte, der sollte sich unbedingt diesen Artikel durchlesen.

Vielen Dank an Reinhardt für das Rezensionsexemplar.

Cover
bandcamp.com

Das Besondere an all dem, wie man vielleicht schon gemerkt hat, die Jungs machen Post-Rock mit deutschsprachigen Titeln. Titeln, die durch ihre Bildhafte Sprache eine unglaublich große Kraft haben. Bilder, die Gefühle ausdrücken, die wir nicht benennen können.

Flackerndes Sonnenlicht. Der erste Titel. Es beginnt angenehm, ruhige Töne bahnen sich ihren Weg und plötzlich ändert sich der Rhythmus in etwas zügiges, das so unglaublich gekonnt am Stolpern vorbei spielt!! Es klingt tatsächlich wie ein Flackern und ich liebe diesen Rhythmus seit der ersten Sekunde und vor allem der Überraschende Wechsel beim ersten Hören sitzt. Dann breiten sich nach und nach dicke Gitarrenwände aus, zu denen man sämtliche Wut verlieren kann, um sich dann wieder einem ruhigerem Atem zu zu wenden. Und nach gut zwei ein halb Minuten ist alles schon vorbei.

Herzdämmerung. Noch so ein starker Titel über den allein es sich schon nachzudenken lohnt. Und ich frage mich wie sehen wohl die düsteren Kammern eines Herzens aus? Es geht los mit einer Art Herzschlag-Beat nachdem die Gitarre einen deutlichen Schritt tut und den Rhythmus vorgibt, der klar und deutlich ist, sind da auch schon wieder diese Atmosphärischen post-rock Wände, die aber diesmal deutlich ruhiger klingen. Herzdämmerung ist auch der Einzige Titel, bei dem es ein paar wenige Zeilen Text zu hören gibt. Auf deutsch. Das ist mir so unglaublich ungewohnt, da ich bisher nur englische Post-Rock Titel kenne, und gleichzeitig ist es eine so große Freude zu hören, dass das alles auch so unglaublich gut auf deutsch funktioniert.

Traumwandler ist ein Song, in dessen Gitarren ich mich fallen lassen kann. Auch hier ist es wieder die Mischung aus Rhythmen und den breiten, lauten Melodien, die diese spezielle Stimmung aus machen, die nach einer Farbe oder einem Geschmack klingen, den ich nicht benennen kann, das ausbrechen aus der begonnenen Struktur, die trotzdem träumerisch verschwommen bleibt.

Jetzt oder Nie ist ein Song mit Energie, der einen aber auch einfach nur einen leichten Schubs gibt, um in Bewegung zu kommen, der einen fast schon tanzen lässt und das trotz der Gitarren Riffs. Wo gegen Ende doch noch eine kleine Priese Wut zu spüren ist.

Noch so ein wunderbarer Titel ist Du In Meinem Blut. Ein Titel, der ruhig Beginnt und fast schon den Kopf hängen lässt, doch kurz bevor er in sich versinkt rafft er sich auf und ist mit einer unglaublich wunderschön gebündelten Energie zurück. Die Gitarre klingt nach Mut und vor allem verdammt viel Entschlossenheit und Zuversicht und nach Rock! Und dann bleibt da noch die Frage: was ist das Du in meinem Blut, wer bist du überhaupt, und wie sieht es aus, wenn du durch mein Blut fließt??

Kinderspiel beginnt mit Kinderstimmen. Und ich sehe sie vor meinem Auge die spielenden Kinder und dazu die Gitarre, die so friedvoll klingt und beruhigend wirkt. Als könnt sie nichts erschüttern. Als liefe sie Hand in Hand mit den Kindern über eine Spielwiese. Darunter mischen sich kurzzeitig ein paar laute und tiefere töne, die fast etwas drohendes haben, aber dennoch schön klingen, um dann für kurze Zeit wieder zu verschwinden und meine Aufmerksamkeit auf den Bass zu legen bis dann plötzlich wieder dieser wunderschöne Ausbruch passiert, dem ich beim Post-Rock so sehr entgegen fiebere…

Zerkratzte Luft ist auch so ein spannender Titel. Und ich frage mich womit man wohl Luft zerkratzen kann und wie sie danach aussieht. Es beginnt ruhig, und dennoch irgendwie ein wenig dreckig, bevor sich die zweite Gitarre ein wenig breit macht und dabei vorsichtig bleibt. Danach klare Klänge, die sehr gut tun und von da aus machen Sich Gitarre und Schlagzeug auf einen gemeinsamen und behutsamen Weg. Und sie bleiben es auch als wieder die großen breiten Riffs auftauchen. Die Entwicklung von beiden kann man für einige Zeit genießen, diesen Weg mit gehen. Und dann ist da plötzlich und kurz das Geräusch, das die Luft zerkratzt.

Wassermann ist gewissermaßen der Titeltrack des Albums – in Bezug auf Bandname und Albumtitel – und klingt wie ein nicht enden wollender Tanz unter Wasser. Und in den Melodien klingt eine Mischung aus Traum und sanftem Tanz. Auch hier spitzt es sich zu und drängt nach vorne, doch immer noch sehr beherrscht, was absolut zu diesem Titel passt. Überzeugen kann man sich von diesem Song auch mit dem dazugehörigen Video:


Der letzte Titel ist ein weiterer Höhepunkt des Albums. Hupende Autos, Stress, Hektik und Schreie und Stimmengewirr klingen aus den Boxen. Schon ist man mittendrin in Innere Getriebenheit. Und die Musik setzt wie ein Monster ein. Bringt all das und unsere dazugehörige Wut so verdammt gut auf den Punkt. Eine Gehetzte wütende Gitarre, von der man das Gefühl hat, sie wird alles, was sich ihr in den Weg stellt zerstören – ein wahrer Hochgenuss – doch dann kommt die Beruhigung, doch sie ist nur von kurzer Dauer denn da sitzt schon wieder der Druck im Nacken, die Getriebenheit vom Beginn kehrt für einen kurzen Moment und ein gezügelt, zurück. Ich liebe das Schlagzeug, dass förmlich rennt und dennoch mit der beruhigten Gitarre harmoniert und den Song wieder zu ein wenig dichteren Melodien führt. Und dann ist sie wieder da – die getriebene Gitarre, was auch immer sie Antreibt, es wird immer dichter und druckvoller, aber bleibt, im Vergleich zum Anfang, beherrscht, um dann zu verstummen. Ein großartiger Debütabschluss.

Mit diesem Debüt liefern die Jungs von Wassermanns Fiebertraum ein Album ab, das sehr klar, strukturiert und nicht so verschwommen und über viele Minuten unklar ist, wie man es von Post-Rock eigentlich gewohnt ist und gerade das ist die große Stärke der Songs. Hier ist durchaus klar wohin sich die Songs entwickeln, und dennoch bleiben genug Überraschungsmomente. Wassermanns Fiebertraum liefern Post-Rock-Puzzleteile, anstatt eines Post-Rock-Mosaiks.

Und diese Klarheit des Puzzleteils ist es wohl auch, welche die Songs für Einsteiger und Neulinge in dieses Genre tatsächlich zu einer guten Wahl macht, aber auch die, die den Post-Rock schon kennen, können hier vielleicht Neuland entdecken und haben trotzdem alles, was das Herz begehrt: Druck, Härte, Atmosphäre, Weite und das alles auf den Punkt gebracht.

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Ein Gedanke zu „Brandungspuzzle

  1. Pingback: Wasser und Atemluft | Seelenhafen

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