Auf Schatzsuche mit Nicolas Sturm


Nicolas Sturm, der Gewinner des Panikpreises, scheint derzeit in aller Munde. Nach seiner Doppelleben EP veröffentlichte er im August 2012 sein Debüt Album „Nicolas Sturm“. Drei Songs der EP finden sich auch auf dem aktuellen Album wieder, welches mit insgesamt 12 Titeln bestückt ist.

Zusammen mit seinem Live-Musiker Jeremy Dhome (Nicolas Sturm und das Klingen Ensemble) wurden die Songs aufgenommen und später mit weiteren Instrumenten und Klängen ausgestattet.

Danke an PIAS Recordings, für das Rezensionsexemplar.

Foto für Albumcover
Quelle: PIAS Germany

Bereits nach dem ersten hören der Lieder spüre ich eine Faszination für seine Texte. Diese Zeilen, die nicht mehr aus dem Kopf gehen, weil sie scheinbar so unmöglich und doch logisch klingen, weil man über sie nachdenken muss,  sie überhaupt erst begreifen muss und weil man sie nicht mehr los wird.

Das Booklet besteht aus einem absolut beeindruckendem Apfelfoto. Ein roter Apfel, der so etwas wie schwarze Adern auf der Schale trägt. Es sieht ein wenig aus als sei er tätowiert worden, aber gleichzeitig wirkt es auch wie Ein Fluss. Etwas, das das gar nicht zu einem Apfel gehört, nicht natürlich ist, ihm aber auch unglaublich gut zu Gesicht steht und irgendwie zu ihm passt und so doch wieder natürlich ist… ist das die Faszination dieses Bildes?

Das Rot des Apfels ist gleichzeitig auch die Farbe der CD, in die ich einen Einblick geben möchte.

Prolog. Schon im ersten Song sind es die ersten Zeilen, die mich fesseln:

Hier endet das Wort.
Hier beginnt die Leidenschaft für den Fehler im System.
Für den Stachel in deinem Fleisch.
Du bist viel zu lang nur im Kreis gerannt, aber hey:
Baby don’t think twice, because it’s all right.

Begleitet von einfachen akustischen Gitarrenklängen. Und ich frage mich soll das tatsächlich alles so in Ordnung sein wie es ist? Dieses Leben, diese Stolpersteine?

Lange vor dem Fall spürtest du den Aufprall.
Und deine Stimme sprach zu dir:
Wir sind alle nicht freiwillig hier. Sei kein Frosch und quake besonders laut!
Es geht ja schließlich auch um dich.
Es geht am Ende nur um dich…

Die Stimmung, die in diesen Zeilen steckt kommt mir so bekannt vor. Die tägliche kleine oder große Qual mit dem Leben bzw. seinem eigenen unglücklich sein. Und dann der Frosch, der keiner ist. Für diese Zeile braucht es ein paar Sekunden bis sie verstanden ist, doch dann zaubert sie ein Schmunzeln des Verständnisses in mein Gesicht. Es geht um mich! Und da erklingen entschlossene E-Gitarren Akkorde und das gesamte Lied entwickelt eine ganz eigene und wunderschöne Schubkraft.

Löcher. Erste Single aus dem Album und der Song, durch den ich auf Nicolas Sturm aufmerksam geworden, als im ARD Morgenmagazin zu Gast war.

Eine fröhlich, leichte Gitarrenmelodie zu Beginn und schon wieder würde ich am liebsten den gesamten Song zitieren wollen.

Ich ziehe eine Linie quer durchs Firmament und schreibe die Hoffnung mit Bleistift in den Wind

Und ich sehe vor mir wie die Wolken und der Wind die Hoffnung verwehen bzw. ausradieren. Hoffnung scheint es auch für die Beziehung, um die es in diesem Song geht, nicht mehr zu geben, aber das ist für Nicolas kein Grund Melancholisch zu sein:

Diese Welt ist doch sehr zum Verzweifeln, aber darauf lasse ich mich nicht mehr ein.
Du bist viel zu viel von allem – Deine Welt lässt meine kollidieren – ich hab lang gebraucht, das einzusehen, also schieß‘ mir nicht in den Rücken, wenn ich geh‘.

Und dazu immer noch diese schöne und fröhliche und tatsächlich irgendwie auch passende Melodie der Gitarre inzwischen zusammen mit dem Klavier und später auch mit E-Gitarre.

Diese Welt ist doch alles was ich hab‘, lass uns die Zeit überbrücken, bis in unser Grab.

Und dahinter stecken all die Fragen, die mir in letzter Zeit so häufig durch den Kopf gehen: wie sinnvoll füllen wir unsere Lebenszeit, warum gibt es das Leben überhaupt – wäre es nicht viel besser, wenn es diese Erde, diese Menschen, diese Entwicklung bis zu unserer heutigen Gesellschaft gar nicht gegeben hätte? Andererseits würden wir dann so viele schöne Dinge verpassen: Konzerte, Musik, Vorfreude, Verstanden werden, sich verbunden fühlen. Aber wir würden all das auch gar nicht erst vermissen können, weil es all das und uns gar nicht gäbe.

Schiffbruch. Einer meiner Lieblinge. Denn ich liebe den wunderschön abstrakten Text gepaart mit dieser sehr filigranen, fast schon zerbrechlichen Melodien.

Wirf dein Herz über alle Grenzen und wo ein Blick grüßt, da wirf den Anker aus und deine Taten sind verbüßt[…]

Wirf dein Herz über Bord, es wird schon nicht unter gehen. Allein die letzten Trümmer deiner Zweifel bleiben stehen. Kein Schritt zu viel, nur ein Schritt zu weit.

Ich bin noch immer sehr fasziniert und begeistert von diesen Zeilen. So sehr, dass ich es nicht in Worte fassen kann und Schiffbruch für sich selbst spricht.

„Ich schenke dir ein Leben aus Papier.“

Noch so ein Satz, über den ich lange nachdenken kann. Was wäre ein Leben aus Papier? Was wäre darauf geschrieben? Wäre es gefaltet? Oder sind wir alle die weißen Blätter, mit Erfahrungen ihr Blatt in gewisser Weise selbst beschreiben? Was würde auf dem Papier stehen, wenn ich mir selbst mein eigenes Leben aus Papier schenken würde?

Windmühlen. Noch so ein großartiger Song, der mir sehr, sehr wertvoll ist. Wenn ich diese Melodie höre, muss ich unweigerlich an Westernhagens „wieder hier“ denken. Ich liebe den Klang der E-Gitarre, kurz nach dem Refrain.

Sie ist nur ein Teil von mir. Und wie viel von dir hast du nicht schon verloren? Ach, manchmal wär‘ man besser nicht geboren.

Zeilen, die mir so oft aus der Seele sprechen! Und ich frage mich tatsächlich wie viel habe ich schon von mir Selbst verloren, weil da dieser Teil in mir ist gegen den ich nicht gewinnen, sondern immer und immer wieder verliere? Der so schwer zu fassen ist, vielleicht sogar so schwer zu begreifen ist? Weil er so leise ist, aber doch so stark und nicht zum Stillstand zu bekommen. Deswegen ist der Tod manchmal näher als das Leben

Eine Frage, die mir erst durch dieses Lied so klar und bewusst geworden ist und auf die ich noch eine Antwort finden muss und will, aber mein erster Impuls und Gedanke sagt mir ich habe sehr viel verloren bzw. gar nicht erst angefangen.

Idealist. Erinnert mich mit seiner Melodie an einen Jahrmarkt, bevor eine kurze Pause einsetzt und die Gitarre ihren Rhythmus beginnt, mit diesem wunderschönen Schlagzeug zusammen.

Dieses Lied ist der perfekte Trost für alle, die mit ihren Seelen-Windmühlen und diese grausame Welt kämpfen. In so gut wie jeder Zeile Trost und Auffangen, Verständnis, Akzeptanz, doch auch die Warnung, dass es nicht leicht sein wird. Doch diese Zeilen sind bereits eine unglaubliche Erleichterung, egal wie schwer es werden wird.

Es tut so unglaublich, unglaublich gut schwach sein zu dürfen und gehalten zu werden. Als würde er mir tatsächlich zuhören und Trost spenden mit diesen Worten, getragen von Nicolas‘ kraftvoller Vortragsweise und angenehm rauer Stimme und dieser so passenden Melodie schlicht aus Gitarren und Schlagzeug:

„Man brauch ’ne harte Schale, sonst spürt man die Stiche doch all zu sehr. Und oft genug treffen sie mitten ins Herz, mitten ins Herz. Ich bin kein Arzt, aber ich weiß, dass ein Mensch so was nicht überleben kann.

Ich hoffe sehr du kommst durch! Ich hoffe sehr du kommst durch! Ich hoffe sehr du kommst durch diese grausame Welt!

Durch deine Augen kann ich auf den Grund deines Herzens sehen – kann die Narben sehen, es sind nicht wenige. Welchen Weg wirst du wählen?

Ich hoffe sehr du kommst durch! Ich hoffe sehr du kommst durch! Ich hoffe sehr du kommst durch und das ist alles was zählt!

[…]“

Und so gibt es noch viele weitere zitierens- und nachdenkenswerte Zeilen. Allein dafür lohnt sich dieses Album auf jeden Fall. Und wer außerdem Indie, Folk-Rock und Singer/Songwriter mag, der sollte definitiv zugreifen, alle Nachdenklichen sollten sich auf jeden Fall trauen!

Nicoals Sturm verpackt schwere und nachdenkliche Texte in leichte Melodien. Dieses Album wirkt so unscheinbar, aber hat eine doch so weitreichende Tiefe, die es möglich macht, nach neuen Schätzen in dir zu graben!

So wünsche ich allen viele neue Wege und Erkenntnisse auf dieser Schatzsuche mit und für euch Selbst.

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