11 Lichter


Diekenstiek-Gründer und Autor Sven Tasch wurde durch meine Rezension zu Martin Kohlstedts „Tag“ auf mich aufmerksam, denn er veröffentlichte nach seinem Debüt Roman „Dreißig“ 2012 seinen zweiten Roman „11 Lichter“ und schrieb mir eine nette Mail mit einer Rezensionsanfrage, der ich sehr gerne nachkomme, denn dieser Roman besteht nicht nur aus Worten, sondern wird durch Klavierstücke der einzelnen Diekenstiek-Mitglieder untermalt, was es zu einem besonderem Leseerlebnis macht.

Danke an Diekenstiek für das Rezensionsexemplar.

Cover (c) Diekenstiek.de

Der Klappentext verrät folgendes über die Handlung:

Am Tiefpunkt seines Lebens, eingeschlossen in seinen vier Wänden, lernt Frederique Martha kennen. Schnell entwickelt sich eine enge Freundschaft und beide erleben einen aufregenden Dezembermonat. Langsam findet Frederique zurück in sein Leben, mit der Hilfe von Martha, Mustafa und 11 Lichtern.

11 Klavierstücke von Johannes Voigt, Martin Kohlstedt und Sven Tasch sowie zehn Fotografien von Matthias Riemenschneider begleiten diese Geschichte und lassen den Leser noch tiefer in das Geschehen eintauchen.

Doch bevor ich zur Handlung komme, möchte ich mit dem Prolog von Christoph Renner beginnen, denn in ihm Stecken so viele Gedanken, so viele Denkanstöße, dass ich sie noch gar nicht alle für mich sortieren und zu Ende denken konnte, die ich jedoch so wertvoll finde, dass sich dazu jeder seine eigenen Gedanken machen können sollte:

Die Freiheitsstatue ist nicht glücklich! Erst der Bruch, dann die Erkenntnis: Die Freiheitsstatue ist nicht glücklich. Ich weiß es, denn ich bin seit kurzem eine. Feiere stolz nach außen meine gewonnene Unabhängigkeit mit pathetischem Blick nach vorn! Krampfhaft: Wohin auch sonst? Bin ja in Stein gemeißelt. Nach vorn – Da ist einsames Meer, endlos und leer ohne deine geliebten Konturen in meinen Wellen. Muss nach vorn. Will zurück. Aber bin von den Sohlen an zementiert. Liebe wird Zement, steigt nur einer aus.  Meine Träume malen dich wie du deine plötzliche Unerbittlichkeit ablegst wie ein unpassendes neues Kleidungsstück. In meinem wachen Leben drehen sich fliegende Zahnräder mit scharfen Spitzen immer und immer wieder um mich herum und treffen: Orte, Worte, Gedanken, einst gemeinsame, jetzt schmerzhaft sinnverlorene. Kein Ausweichen bei dem Zement. Schwer ratlos mein steinerner Kopf.
(Christoph Renner)

Und dann erfährt man von Frederique. Ein Kerl, der übergewichtig ist, in einer unsauberen, kahlen Wohnung aus seinen Kartons lebt und nicht besonders viel Wert auf benehmen oder Sauberkeit zu legen scheint. Dennoch tut er Leid in seiner selbst gebauten Einsamkeit:

Zu Hause in Erfurt. Sein bester Freund nimmt sich das Leben und Frederique kommt nicht mehr zur Ruhe, es sei denn er trinkt genügend Alkohol oder konsumierte entsprechend THC. So verliert er seinen Arbeitsplatz, zieht sich immer mehr zurück und verliert immer mehr Freunde und schließlich auch seine Freundin Ina. Was dazu führt, dass er in Gotha einen Neustart versucht. Mitgenommen nur das Nötigste, sowie das Sofa seines besten Freundes, sowie sein Klavier. Essen gibt es um die Ecke bei Mustafas Bistro, das jedoch eher schlecht als recht schmeckt.

Mittlerweile habe ich ein riesiges E in die Tapete gebrannt, ein Werk aus ca. 400 Zigaretten. Dieses E steht für Einsamkeit. Vielleicht steht es auch für Emotionslosigkeit, Erbrechen oder Erektion, wer weiß das schon. Ich lasse mich zurück auf das Sofa fallen und betrachte mein E. „Eigentlich gar nicht so schlecht“ Darauf zünde ich mir die nächste Kippe an.

So vegetiert Frederique dahin, bis er die blinde Martha kennen lernt, weil sie für ihn ein Paket angenommen hat.

Jeder Titel der CD beschreibt eine bestimmte Handlung eines jeden Kapitels.

So auch Hoffnung (Johannes Vogt). Ein ruhiges Stück, das auf ganz einfühlsame Weise eine zerbrechliche Verzweiflung ausdrückt in der ich Frederique in seiner grauen Wohnung in Gotha sitzen sehe, wo er nichts tut außer irgendwie in den Tag hinein zu leben, sinnlos. Doch langsam und subtil klingt in der Melodie eine gewisse Kraft und Energie durch und das Stück beginnt sich zu wenden. Von schwer und dunkel zu leicht und froh. Denn Martha lädt ihn ein auf einen Kaffee und ein Gespräch in ihrer Wohnung. Und der Lebenssinn scheint zurück zu kehren und da klingt sie tatsächlich in dieser Melodie, die Hoffnung.

Martha und Frederique lernen sich nun besser kennen. In dem Paket, dass bei Martha noch immer auf Frederique wartet, und was neben einer weiteren Verabredung auch der Grund ist, weshalb sie sich ein zweites mal begegnen ist eine Lampe:

„Wofür stehen all die Lichter, die dein Zimmer so hell erleuchten?“ Ich zucke zusammen.
„Wie meinst du das…?“
„Du weißt, was ich meine. Die weißen Kugellampen, die um dein Bett herum stehen. Wofür brauchst du sie?“ Sehr langsam und eindringlich stellt sie mir diese Frage.
[…]

„Weil ich einsam bin!“ Meine Stimme klingt weinerlich. „Jetzt weißt du es. Ich habe sie mir gekauft weil ich einsam bin! Kannst du dir vorstellen, ich sitze seit drei Monaten Tag und Nacht in meinem versifften Loch da oben, sitze nur da und suche nach irgendeinem Lebenssinn. Doch es ändert sich nichts.“

nach diesem einen und längerem Gespräch macht Martha den Vorschlag, dass sich Frederique von seinen Lampen trennt und ihr eine nach der anderen überlässt, immer wenn er etwas in sich wieder gefunden hat, was eine Lampe ersetzt hat. So nimmt die Geschichte ihren Lauf…

Mut. Ein Titel von Martin Kohlstedt. Er dreht sich um eine Szene im Schwimmbad. Was der entsprechenden Geräusche wegen, die an Wasser erinnern, deutlich wird, die sehr schön zum Beginn dieser Melodie passen. Und mit jeder Sekunde mehr von diesem Stück wird mir klar, dass dieser Titel ein alter Bekannter ist! Ich bin überrascht! Damit hätte ich nicht gerechnet. Dieser Titel ist sehr, sehr, sehr, sehr nah an Martin Kohlstedts OLV von seinem Debüt „Tag“ dran. Die Unterschiede sind nur sehr gering. Und es eröffnet völlig neue Interpretationsmöglichkeiten für OLV…

Ein weiterer besonderer Moment, der auch  das Zusammenspiel zwischen Buch und CD ganz wunderschön deutlich macht ist Stille. Es ist Heiligabend. Martha muss unverhofft zu Hause bleiben und besucht Frederique, der zum ersten Mal wieder beginnt Klavier zu spielen:

„Was wünscht du dir?“ Frage ich und trinke den letzten Schluck Bier aus.

„Etwas, dass zu diesem Moment passt.“

Ich breite meine Finger aus und denke an den kleinen Jungen, der vorhin auf dem Gehweg stand und Trompete spielte. Ich möchte etwas spielen, das in meinem Kopf entsteht. Diese Musik soll etwas ganz Elementares ausdrücken: Stille. Die ersten improvisierten Töne erklingen, dann halte ich inne und warte auf den Moment, bis mein Kopf mir die nächsten Gedanken schenkt.

Stille ist ebenfalls ein Titel von Martin Kohlstedt. Und diese Stille schlägt sehr nachdenkliche, angenehme und fesselnde Töne an. Bis sie aufgewühlt wird, aber gleichzeitig von wunderschönen tiefen Tönen am Boden gehalten wird, die immer mehr in den Vordergrund kommen, um dann den leisen Tönen doch wieder den Raum zu überlassen, denen man gebannt lauschen kann, bevor dieser wunderschöne Tanz beginnt…

Geborgenheit erzählt von einer Silvester- / Neujahrsnacht von Frederique und Ina auf dem Petersberg in Erfurt. Ein Stück von Sven Tasch, das ruhig, gewährend, akzeptierend und beobachtend klingt. Das durch einfühlsame Töne eine Stimmung erschafft, in der man sich fallen lassen und in Gedanken verlieren kann. Was aber auch kurze, dunkle Momente kennt, die aber sofort ganz wunderschön erhellt werden. Ein wenig wie von einem Feuerwerk der dunkle Nachthimmel.

In diesem Kapitel wird außerdem klar, dass auch Martha ein kleines Geheimnis hat und dann ist da noch der Traum und Wunsch seines Freundes und Bistro Besitzers Mustafa…

und während ich diese angenehm geschriebene und überschaubare Handlung dieser Geschichte lese begleitet mich die ganze Zeit so eine gewisse Intensität und ich werde dabei das Gefühl nicht los, dass all die erwähnten Personen tatsächlich existieren und all das tatsächlich erlebt wurde.

Besonders schöne Momente sind auch die, in denen immer wieder Orte erwähnt werden, die ich kenne, die ich selbst schon einmal Besucht habe, oder zumindest schon einmal von außen gesehen habe. Erfurt, das Hilgenfeld, der Presseclub. Da ist dieses euphorische Heimatgefühl, beim lesen dieses Buches, das mir immer wieder eine große, große Freude ist.

Aber auch die Klavierstücke tragen zu diesem intensiven Lesegefühl bei und machen es noch einmal auf einer völlig neuen Ebene erfahrbar und entwerfen ganz neue Bilder zu den gelesenen Worten.

Ein schwer zu beschreibendes Lese- und Hörerlebnis. Am besten selbst heraus finden!

Die gesamte Buchvorstellung gibt es als Videomitschnitt auf youtube anzusehen:

Und in die einzelnen Titel der CD kann man sich auf Soundcloud anhören.

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