Mit dem Holzschwert durch den Regen


Marathonmann sind aus München und machen Posthardcore. Mit „Die Stadt gehört den Besten“ präsentierten sie 2012 ihre erste EP und gleichzeitig  war dies auch ihre überhaupt erste Veröffentlichung und sorgten damit für ordentlich Furore.

Damit überzeugten sie auch mich. Vor allem, weil ich zur gleichen Zeit auch Escapado entdeckte, mich dort die Texte nie so wirklich ansprachen, und sie sich quasi aufgelöst hatten. Bei Marathonmann fand ich alles, was mir bei Escapado gefehlt hatte. Texte, die mich berühren und eine Stimme, die angenehmer, stabiler und kräftiger klingt und vor allem auch Texte, die man deutlicher verstehen kann.

Mit „Holzschwert“ erscheint nun das Album Debüt von Marcel Konhäuser, Schlagzeug / Robin Konhäuser, Gitarre / Tom Fischer, Gitarre und Michael Lettner am Bass und Gesang.

An dieser Stelle noch mal ein ausdrückliches und großes Dankeschön an Dario für die Möglichkeit der Bemusterung.

CoverQuelle: Century Media Records

Cover
Quelle: Century Media Records

Das Cover verbreitet eine Stimmung, die durchaus an Kindertage erinnert, ein Schreibtisch, voller Stifte und Papier, ein wenig Unordnung, Tagträume und Phantasie stecken darin, aber da ist auch eine gewisse Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit etwas ans Ziel zu bringen, denn diese Zeichnungen sehen viel zu detailliert und professionell für die Zeichnungen eines Kindes aus. Das Licht und dieser eher braune Farbton bringen wärme, aber auch etwas bedrückendes und nachdenkliches in dieses Szene aus Kindertagen.

Wenn du dem Teufel deine Hand gibst. Der erste Song des Albums. Dichte Gitarren, mit einem angenehmen Druck im Rücken. Ebenso der angenehme Druck und das Raue in der Stimme von Michael. Das Schlagzeug bringt den Song mit nach vorn. Der Text beschreibt ein auf der Suche sein, Unsicherheiten, was ist überhaupt falsch oder richtig und auf welcher Seite steht man eigentlich? All das gepaart mit Wut und Verzweiflung. Vor allem die Verzweiflung findet ihren Ausdruck in der Bridge, in der es ruhiger wird und die Stimme im Vordergrund steht

Unzertrennlichkeiten trennen sich
unbekannte Leute kennen dich
Die immer gleichen Wörter schwimmen in ’nem Meer aus Wut
da vorne ist ’ne Insel, doch dich verlässt der – Mut

Die Stadt gehört den Besten. Neu aufgenommen, denn: „Die Groupshouts waren nicht ganz im Timing, und eigentlich war auch die Leadgitarre verstimmt. Wir waren mit der Version also nicht ganz zufrieden, daher haben wir den Song noch einmal aufgenommen. Die Initiative dafür kam allerdings vom Label, die waren der Meinung, dass sich der Song perfekt ins Album einfügen würde. Für uns war das ausschlaggebende Argument
aber, dass wir den Song NOCH EINMAL ORDENTLICH präsentieren wollten.“

So Michael im FUZE Magazin 39 April/Mai 2013 (Seite 31).

Immer noch ein melodischer Track, der direkt ins Ohr geht und dieses heroische Gefühl einer großartigen Nacht mitbringt. Und ich liebe die zweite Gitarre, die mit ihren eher tiefen Tönen im Hintergrund klingt und dem Song eine gewisse Tiefe gibt, die ich zu Anfang erst einmal suchen musste (über Kopfhörer auf dem rechten Ohr zu hören), diese Melodie macht wohl dieses schwer zu definierende und beschreibende Gefühl, das sich ebenfalls nur undeutlich zeigt Das wird auf jeden Fall noch eine spannende Entdeckungsreise.

Ich mag die Bilder, die der Text entwirft. So unbemerkt, dass sie mir erst nach mehreren Durchgängen erst richtig deutlich wurden. Großartig!

Und wir stehen auf unseren Brücken
Unter uns der Strom

Die Aussicht scheinbar endlos
Unser Thron!
[…]
Die Straßen neu gepflastert
Der Applaus

Holzschwert. Der Titelsong. Und auch einer der besten des Albums! Ebenfalls dichte Gitarren und eine Melodie, die etwas treibendes hat. Ein nachdenklicher Track. Mit der Frage, ob wir Träume noch träumen, ob wir überhaupt noch Träume haben und wie Veränderungen, Kraftlosigkeit und erwachsen werden und sein davon abhalten sie zu verwirklichen und sie immer wieder verschwommen in weite ferne rücken. Und in der Stimme die Verzweiflung um das Kind, dass sich mit dem Holzschwert bewaffnet und entschlossen, ohne Zweifel und mit Mut kämpft.

Ein Song, der viele Fragen und Gedanken auslöst, vor allem durch die Atmosphäre, die Text, Melodie und Stimme auslösen. Ein Song, der sehr viel geben kann, wenn man sich die gemeinsame Zeit nimmt. In manchen Moment klingt da fast schon Trauer, um all das Vergangene und die Kindheit oder vielleicht auch das Kind, das noch immer in einem sein sollte…

Das Video zum Song gibt es hier:

http://www.muzu.tv/marathonmannmusik/holzschwert-musikvideo/1813323/

Räume. Ein Song, der sich mit Dingen beschäftigt, die man oft nicht wahrhaben will. Der die Seele durchaus an die Schmerzgrenze bringt. Und dieser Schmerz ist im gesamten Song in jedem einzelnen Moment zu spüren. Aber dieser Schmerz tut auch gut. Denn der Schmerz über all diese Momente, in denen es dunkel und starr in einem Selbst aussieht, die so unfassbar Quälen können, und auch diese in denen man vielleicht versagt hat, bekommt einen Ausdruck. Nur Erinnerung an den Menschen in einem und selbst die irgendwie vernebelt und weit weg, aber da – ein Trost. Dieser Song ist die Qual gegen die Qual. Mit großartigem Text. Für mich der Beste des Albums.

Wir sind immer noch hier. Mit Marathonmann auf stürmischer See als Metapher für die Kämpfe im Leben, die man mit Kraft und vor allem Energie und fast schon guter Laune durchsteht, sich durchwühlt, aufrappelt und weiter macht. um einen Weg weiter zu gehen.

Das alles hier soll nie zu Ende sein. Alle Grenzen Überschreiten war der Plan und wir sind immer noch hier!

Diese Energie macht sich vor allem in einer durchaus melodischen und nach vorn drückenden Melodie aus, die zu Beginn mit ihrem Einstieg fast schon ein wenig an etwas Grunge erinnert. Klirrend, metallisch, dicht und hell.

Im Grabräuber fällt vor allem das Schlagzeug auf. Die Gitarren ausnahmsweise mal ruhig, zurückhaltend und leise. Grabräuber ist voll von Enttäuschung und allein sein. Dunkel und verzweifelt. Und das so unglaublich angenehm und auf eine Art und Weise, die mir selbst so unglaublich gut bekannt ist, dass ich fast das Gefühl habe mit mir selbst im Arm durch einen nicht enden wollenden Regen mit grauen Himmel und einer grauen Stadt zu laufen. Ich mag den vergleichsweise eher abstrakten Text. Der Enttäuschung geht allerdings ein Funke Hoffnung voran, doch da ist nichts mehr, was ihn zum Glühen bringt:

„Wenn die Gewohnheit längst gewonnen hat, die Herzen längst besiegt, und die Leere unsere Träume füllt.
Die letzte Kraft in etwas stecken, das vor Jahren schon gestorben ist. In den letzten Kammern zu entdecken, dass die Schätze längst gestohlen sind.“

Grabräuber ist für mich eine Mischung aus Räume und Holzschwert, die nicht wiederholt, sondern gekonnt ergänzt und aus anderem Blickwinkel spricht.

Schiffe versenken. Der ruhige Abschluss des Albums. Das Schlagzeug darin erinnert an ein Propeller Geräusch. Die Atmosphäre und Gitarrenwand, die sich dann im Verlauf auftut erinnert an post-rock, der treibende Motor, der in allen Songs zu finden ist,  geht aber auch in diesem eher atmosphärischem nicht verloren.

„Holzschwert“ ist ein Album, bei dem sehr viel auf mich wirkt, sich ausbreitet, Dinge, die ich einfach nur wirken lassen möchte und jedem anderen Hörer auch wünsche, damit er mit diesem Album viel neues und altes anders in sich entdecken kann und noch lange gemeinsame Zeiten mit diesem schönen und sympathischen Holzschwert hat.

Hier vereinen sich Verzweiflung, Wut, Melancholie, Lethargie, Qual und Schmerz in Texten, die zum Nachdenken anregen und gleichzeitig eben nicht wie Ballast wirken, bei den durchaus schweren Themen und Gefühlen, die sie auslösen. Texte und Melodien, die es möglich machen all diese eigenen Gefühle raus zu lassen, laut zu sein und dieses reinigende Gefühl zu genießen – Dafür also auch der Gang durch den Regen – er ist nicht nur Bild für all die Schwere, die uns begleitet, sondern auch das, was uns von all dem lösen kann.

Ein zweischneidiges Schwert – auf der einen Seite die Strategische, die die all diese Gefühle und Gedanken beinhaltet die in diesem Album stecken und auf der anderen Seite, die kämpfende, die sich durch all das schneidet, was uns quält und zusammen mit dem Regen eine Erleichterung bringt.

Marathonmann gelingt mit Holzschwert ein absolut solides und großartiges Debüt, das jedem einzelnen sehr viel geben kann, wenn er sich darauf einlässt.

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2 Gedanken zu „Mit dem Holzschwert durch den Regen

  1. Pingback: Marathonmann – Holzschwert | Seelenhafen

  2. Pingback: Marathonmann – Wo ein Versprechen noch was wert ist | Seelenhafen

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