Mein Freund, der Fuchs – oder: Vom Zähmen und vertraut machen


Lúisa habe ich zufällig in einem Beitrag des NDR-Magazins DAS! entdeckt und war sofort begeistert.

So begeistert, dass ich mich sofort dazu entschlossen habe, über ihr Debütalbum „One Youth Ago“ zu schreiben und meine Gedanken dazu mit euch zu teilen.

Lúisa kommt ursprünglich aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Marburg und wohnt inzwischen in Hamburg. Das zentrale Moment ihrer Songs ist immer wieder die Gitarre. Der Wald ist einer ihrer liebsten Orte und das spürt man auch auf ihrem Erstling.

Das Album umfasst 10 Titel, einer davon in französisch, der Rest in englischer Sprache, sowie einen Live Titel.

Danke an Lúisa für das Rezensionsexemplar.  cd_muster_SB KopieNighthawks ist die erste Single des Albums. Und spricht von Freiheit, dem rastlos Sein und nicht stehen bleiben. Schon die ersten Zeilen zaubern Gänsehaut hervor:

„I was woken by some animals noise
noticed my own carefuly singing voice
noticed the trumped from somewhere
and all these moments we could share“

dazu ebenso behutsame Gitarrenakkorde. Bevor im nächsten Moment auf und davon gelaufen wird:

„I was running down the empty street

led by my own naked feet“

Jedoch immer mit ganz viel Leichtigkeit und Freude. Und immer habe ich das Gefühl zusammen mit Lúisa durch dieses beschriebene Stück Wald zu laufen, immer dicht hinter ihr zu sein. Auch die zweiten Stimmen im Hintergrund verstärken dieses Gefühl und vermitteln, dass man nur noch einen Schritt tun muss, um vor etwas Großem zu stehen. Und immer ist da im Text diese Sehnsucht nach etwas Neuem, neuen Wegen, neuen Gedanken, neuen Welten und das was dazwischen kommt und wir trotzdem nicht aufgeben weiter daran zu bleiben und diese unbekannte Neugier zu verfolgen.

Nighthawks ist ein wunderbarer Einstieg in dieses Album, Gitarre und Rhythmus plus die unfassbar schöne und rauchige Stimme von Luisa – mehr braucht ein guter Song nicht.

Against Millions Of Clouds. Ein Song bei dem ich schon von Beginn an spüre, dass er deutlich schwerer wiegt. Ernst liegt in der Luft. Eine wunderschöne Gitarrenmelodie und ein ebensolches Schlagzeug, das weit weg wirkt, sich zurückhält und gerade dadurch besonders Stark strahlt. Beide geben dem Ernst im Text halt und können auffangen, mit leichten und mit schweren Tönen. Es sind immer genau die richtigen Melodien, im richtigen Moment gemeinsam mit dem Rhythmus, die Schutz geben, damit mich die folgenden Gedanken nicht zerreißen:

„please safe all we have“

und ich frage mich in diesem Moment was passiert mit / in meinem leben, wenn ich dich nicht mal mehr von fern bei mir wissen kann, wo wir uns so nah doch selten begegnen (können) obwohl ich es oft sehr bräuchte. Was erst, wenn ich wüsste, du wärst nicht mehr lebendig? Und mir wird klar wie wichtig es ist alle Momente und Erinnerungen festzuhalten, zu bewahren, zu erkennen wie wertvoll sie sind und was sie alles geben können und wie sehr man sie genießen sollte. Alles was wir haben in Sicherheit bringen, bevor man sich gänzlich verliert und den Schmerz nicht mehr ertragen kann. Zu wissen, das all das in Sicherheit ist, ist der einzige Trost, der in dieser Zeile voller Schmerz steckt…

und dieser Gedanke erinnert mich gerade an diesen wunderbaren Blog, der genau das in Form von Gedichten tut, weil man das alte gemeinsame vertraute verloren hat, und das mit dem neuen, schweren Unbekannten nicht noch einmal passieren soll.

„The sun fight against millions of clouds we live now without figuring it out do we love or do we doubt?“

do we love or do we doubt?  Ich frage ich mich das gerade in Bezug auf das leben an sich und auf die Dinge, die wir lieben, die wir von Herzen tun und mögen. Wie oft zweifeln wir dabei und müssen wir das eigentlich?? Ist es nicht der Zweifel, der uns diese Liebe immer wieder kaputt macht und in Frage stellt, ist er es, den wir immer wieder in uns aufsteigen sehen und den wir immer wieder vertreiben müssen? Und was genau steckt in diesem Zweifel, was bringt er mit, warum kommt er überhaupt auf?

Und irgendwann wird mir klar, dass der Kampf der Sonne gegen die Wolken kein aussichtsloser Kampf gegen Windmühlen ist…

Ich mag das dezente pfeifende, windartige Geräusch im Hintergrund. Die beiden Personen im Text dieses Liedes haben noch einen viel größeren Schmerz – ja, fast schon Zerstörung zu verkraften und zu verarbeiten, der unglaublich ansteckend ist. Zum Ende des Songs wird dieser Schmerz immer stärker und noch deutlicher spürbar. Selbst die Gitarre scheint darüber zu stolpern…

Brain startet motiviert mit Energie, Zuversicht und einer ansteckenden Melodie.

and the steel melts away
as you doubt what you’re saying
you feel the start
stuck in your heart
and your brain melts away
as you doubt what you’re saying
and you feel the start
stuck in your heart
you’re creeping on the floor
your brain can’t take it anymore

Zweifel, Ängste, Zurückschrecken, Dinge doch nicht tun, obwohl man sie eigentlich doch gern tun würde. Grübeln. Kopf gegen Herz. Kopf gegen Bauch. Kein vor, kein zurück und eigentlich sollen all diese Gedanken und all dieses Zögern und seine Folgen endlich ein Ende haben. Die Melodie jedoch zweifelt keine einzige Sekunde! Sie reißt einen förmlich mit! Sagt „Trau dich! Tu es!“ Nur dann wird es auch vorbei sein… und es wird dich nicht mehr länger quälen.

Waiting For Yesterday hat diesen einen Moment. Wahnsinn diese tiefe klare Stimme eben (und seit Beginn des Albums) noch eher rau und dann so unfassbar tief und fast schon brummig! Wow! Ein Überraschungsmoment, der total unerwartet in den Bauch trifft – und immer und immer und immer wieder dort bleibt und mich jedes mal aufs Neue sprachlos macht und fasziniert! Großartig! Doch das ist nicht nur die Stimme, sondern auch die Melodie an sich und im besonderen die Gitarre. Sie klingt so wunderschön klar und scheint immer über allem zu schweben doch gleichzeitig auch alles mitzunehmen und in seinen Bann zu ziehen. Besonders schön ist der absichtlich stolpernde Rhythmus. Ich habe noch nicht wirklich herausgefunden wofür er stehen könnte in diesem Song, welchen Teil des Textes er widerspiegeln könnte, oder ob es vielleicht doch einen ganz anderen Grund dafür gibt. Aber im Moment passt er für mich sehr gut zu folgenden Zeilen:

go on
but some things wont last
my eyes start hurt
the world  is turning to fast
you last words still try to reach my ear
and still there is that drop
of that last tear

Run
as fast as you can
the sun
rises down
moon frowns
what have we become?
Still fearing the moments
that might come

Denn da ist wieder dieser Zweifel, die Unsicherheit, die Angst vor dem was kommt, die ich in vielen Situationen schon intensiver kennen lernen konnte, als es mir lieb war. Und oft würde ich sehr gern davor weg rennen, doch es funktioniert nicht, weil man nicht ausweichen kann und nun da durch stolpern muss. Doch da ist auch Abschied, das weiter gehen in einen neuen Abschnitt und plötzlich sind all die Dinge eine Jugend lang her… Doch das Gestern wird nicht zurück kommen können…

Springrainair. Frühlingsregenluft. Was für ein schönes Wort. So klingt auch die Melodie – nach Frühling: fröhlich und leicht, obwohl die ersten Zeilen des Songs eher den Herbst beschreiben. Mitten im Refrain ist dieser Moment in der Melodie, den ich nicht beschreiben kann, aber es ist einer dieser wenigen, die in den Bauch treffen und ebenfalls die Seele berühren, etwas ganz zart anstoßen oder wachrütteln, was da die ganze Zeit in einem gewesen ist, was man aber so deutlich und klar bisher nie spüren durfte und konnte. Eine Ecke, die sich bisher immer versteckt gehalten hat, hat man plötzlich für sich entdeckt und sie strahlt so voller Liebe, Frieden und anderen wunderschönen Dingen, die das Gefühl geben, eine Verbindung zu sich und seinen Wurzeln gefunden zu haben, die man unbedingt genauer betrachten sollte – Einen Platz in der eigenen Seele zu begegnen, in dem sich reine Liebe und Frieden finden, ist ein unglaublich seltener Moment und so unglaublich kostbar. Einen ersten solchen Moment hatte ich bisher nur bei Martin Kohlstedts AUH. Nur war mir da noch nicht bewusst, dass es tatsächlich so etwas wie Frieden ist.

Gleichzeitig mit diesem Moment des Friedens in der Melodie ist da aber auch diese unglaublich schmerzhafte Sehnsucht im Text. Und es zerreißt mich förmlich, weil ich nicht weiß wohin zuerst – in die Melodie oder in den Text?

I wish time had the desire
to turn back and turn back again
and I wish we had the desire
to avoid, and avoid the end

So you liked the part
as we first met in the story
and I liked your heart
as it was calm and full of glory

Eben noch in Waiting For Yesterday war all diese Angst und Unsicherheit vor dem Morgen. Hier ist es die unfassbar schmerzende Sehnsucht, nach dem Zurück. Aber es ist mit seiner unbeschwerten Melodie auch ein wenig das Gegenstück zum schwer grübelnden Text in Brain. Trotz allem, soll es bitte, bitte nicht dem Ende entgegen gehen – das ist dieser eine große Wunsch:

inhaling springrainair
now you’re stroking through my hair
and look at me
sadly

I wish  time  had the desire
to turn back and turn back again
oh and I wish we had the desire
to avoid and avoid the end

Und mir kommt wieder die Frage in den Sinn:

„do we love or do we doubt?“

und ist wirklich alle Erinnerung sicher?

„please safe all we have“

The Wolf. Dieser Song beginnt mit rückwärts abgespieltem Stimmengewirr. Die erste Strophe entwickelt sich und dann überrascht Lúisa erneut. Diesmal nicht mit den Fähigkeiten ihrer Stimme, sondern damit, dass sie plötzlich nicht mehr singt, sondern erzählt und die eben gehörte Strophe rückt als zweite Stimme in den Hintergrund. Daraus entwickelt sich eine sehr, sehr spannende Dynamik, die sehr fesselnd wirkt und tatsächlich den Eindruck vermittelt, da ist jemand, der gerade eine Geschichte erzählt oder von eigenen Erfahrungen im tiefen, dunklen Wald erzählt. und in weiter, weiter Ferne heulen die Wölfe von Bon Iver…

Zum Schluss noch ein paar kurze Worte zu A New Heart und Bats, Blue. Bei A New Heart ist es die metallisch klingende Akustikgitarre, die ich so sehr liebe und die den Song kühl und weit, aber gleichzeitig auch warm erklingen lässt. Der Anschlag der Gitarre ist so herrlich klar und gleichzeitig auch unvorhersehbar und bringt dadurch sehr viel Spannung mit. Es macht Spaß die Veränderungen zu verfolgen. Die letzten Sekunden dieses Songs, sind die schwersten und auch sie berühren tief. Aber diese Mischung aus Kühle, Wärme und metallischem Klang erzeugen eine ganz eigene und wunderschöne Atmosphäre, die es lohnt zu entdecken. In Bats Blue mag ich besonders die warme und freundliche Gitarre, ebenso das Schlagzeug.

Das Debütalbum von Lúisa machen die Abwechslung im Detail der Melodien, der Rhythmen und dem gesamten Gitarrenspiel, sowie das Zusammenspiel zwischen Text, Melodie und Stimme so großartig.

Ich hätte so viel über dieses Album zu sagen und noch so viel mehr zu entdecken, aber es passieren so viele Dinge gleichzeitig, dass ich sie gar nicht alle so ausführlich, wie ich sie gern darstellen möchte, aufschreiben kann, weil dies einen viel viel längeren Hörprozess braucht, da man alles nacheinander für sich entdecken muss.

One Youth Ago ist sehr vielschichtig. Es lassen sich so viele Verbindungen innerhalb der Songs finden und alle wollen verknüpft und werden und rufen und dürsten förmlich danach von mir entdeckt zu werden.

Dieses Debüt ist ein sehr aufregendes und vor allem eines mit dem man lange und viel Zeit verbringen kann:

»Was heißt ‚zähmen‘?«

»Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet: sich ‚vertraut machen‘.«

»Vertraut machen?«

»Gewiß«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich noch nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt…«


(Der kleine Prinz, S. 67, Kapitel 21)

Liebe Luisa, ich bin gespannt auf alles, was da kommen wird.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Mein Freund, der Fuchs – oder: Vom Zähmen und vertraut machen

  1. Pingback: Der leise Blick nach innen | Seelenhafen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s