Der kühle Rausch der Mitternacht


Ill-Luzion ist bekannt für seine Beats, die sich auf verschiedensten Rap-Alben finden. Zusätzlich war er in den letzten Jahren auch für Mix und Master verschiedener Alben verantwortlich. Doch er hat sich auf neue Wege begeben und seine ganz eigenen Beats entstehen lassen, dessen erstes Resultat die „Long Way To Go“ EP im Jahr 2010 war.

Vier Jahre später ist daraus sein Album-Debüt „Midnight Visions“ gewachsen. Darauf finden sich 16 atmosphärische Songs, zwei davon mit Features.

Ill-Luzion selbst über dieses Album:

„Der Gedanke an ein eigenes Album begleitete mich in den Jahren der Entstehung durch die verschiedensten Phasen meines Lebens und reifte von Jahr zu Jahr zu einer Krankheit heran. Erst nachdem ich die fertige CD in der Hand hielt wurde jeder Zweifel aus dem Weg geräumt und die Euphorie und Begeisterung mit der ich das Projekt startete kehrte wieder zurück. „Midnight Visions“ ist für mich eins meiner intimsten Werke und ich freue mich darauf es nach sechs Jahren Arbeit mit der Welt teilen zu können.“

Danke an Stefan Schwenzfeier für das Rezensionsexemplar.

Midnight Visions Cover_72dpi

Cover (c) feine kreise

Schon das tief dunkelblaue Cover vermittelt einen Eindruck vom Album mit seiner kühlen und dennoch angenehmen Atmosphäre und dem rauschhaften zuweilen fast verwirrenden und gleichzeitig fesselnden Momenten.

Beim Hören des Albums haben mich vor allem die ruhigeren Songs berührt und sehr bewegt, weshalb ich mich bei dieser Rezension auch auf diese Songs stützen werde, die schnelleren Songs dieser Art schlicht schon immer nicht unbedingt die waren, die meinen Geschmack getrofffen haben. Das schmälert jedoch keinesfalls das gesamte Werk.

Mornin ist der zweite Song des Albums und hat etwas angenehm kühl-erfrischendes in seiner Melodie und seinem Verlauf. Die eher kühl wirkenden tieferen Töne der pluckernden Schlaginstrumente und der Bass schaffen eine angenehme Distanz und gleichzeitig bringt der Song auch etwas Lächelndes mit.Ein warmer fließender angenehmer Strom beginnt, der ganz eindeutig die Klarheit von Wasser besitzt. Weiche Töne und ein warmer Bass lassen den zweiten Teil des Songs einen angenehmen Regen nieder, den man mit allen Sinnen genießen kann.

Hope You’re Satisfied Now. Dieser Song hat ebenfalls etwas fließendes, was sich aber hier mit einem rauschhaften Gefühl durch die Bässe verbindet. Auch ist etwas rauschendes zu hören – nämlich all das, was da zwischen den klaren Tönen und den Stimmen im Hintergrund – durch den Vordergrund des Songs flirrt und mich für einen kurzen Moment an Sand erinnert. Es ist vom ersten Ton ein eintauchen in eine ganz eigene Welt mit ihren eigenen Formen, Farben und Gefühlen. Geformt vom Zusammenspiel der Töne und Melodien. Und ich habe tatsächlich immer wieder das Gefühl zu schweben. In meinem Gesicht ist diese angenehme Schwere und gleichzeitig dieses losgelöste Gefühl, was mir so bekannt und vertraut aus so mancher Meditation ist. Umhüllt von diesem Gefühl I’m Satisfied Now.

 Roadtrippin‘ (feat. Soundbwoy Boogie) gibts direkt nach dem kleinen Trip im vorangegangen Song. Los gehts mit einer Akustikgitarre, die Leichtigkeit und gute Laune mitbringt, gefolgt von einem absolut wunderschönen und weichen Bass. Auch alle anderen Instrumente wirken förmlich befreit von der eher schweren und dunklen aber trotzdem angenehmen Atmosphäre. Diese kleine Freiheit macht den Song zu einem warmen und freundlichen Begleiter durch die von Sonne gefluteten Straßen dieser Welt. Den Moment genießen anstatt ihn zu zergrübeln. Unterstützt wird das Ganze durch die angenehme Stimme und den Text von Soundbwoy Boogie. Dieser Song ist entspanntes Durchatmen und Genuss.

Regrets hat etwas helles, das vor allem durch die Bläser getragen wird und zum Tanzen einlädt. Die Atmosphäre des Songs hat die Schönheit von reflektierendem Sonnenglitzern und den Bass der an wabernden Nebel erinnert, vor allem dann, wenn er zur Mitte des Songs noch ein wenig deutlicher wird und für einen kurzen Moment alles andere zu verstummen scheint vor diesem Nebel, der alles umhüllt. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass der Rest des Songs mit seinen erhellenden Melodien schützend den Arm um mich hält und so alles zu einer fließenden Einheit verschmilzt.

Was in Hope You’re Satisfied Now noch ein eintauchen war ist in Gravity ein tief tauchen. Dessen Beginn mir den Atem raubt, weil es eine unglaublich tief berührende Traurigkeit auslöst, die in mir in ihren Weg absolut spürbar aufsteigt, sanft und behutsam von all den tiefen und gleichzeitig sanften und fließenden Bässen geführt, die so unglaublich bittend, und neugierig zugleich klingen. Ich habe fast das Gefühl sie wollen mich entdecken und nicht umgekehrt. Und dabei sind sie unglaublich behutsam und liebevoll auf ihrer Reise. Und ich folge ihnen über alle anderen Töne hinweg, bis zu diesem Moment der Schlaginsturmente in dem wir ganz für uns sind. Es ist ein sehr intensiver und einzigartiger Moment, der schwer zu beschreiben ist. Erst erinnert mich es mich an viele kleine Regentropfen in denen wieder diese Klarheit und Frische steckt. Zusammen mit diesen fließenden, tiefen und behutsamen Tönen werden die Tropfen langsam schwerer und formen sich zu einem Herzschlag. Dieser Song ist wohl meine ganz eigene Midnight Vision…

The Night We Set A Fire. Und schon im ersten Moment kann man es knistern hören. Und ich frage mich ob da im Hintergrund ein Vibraphon klingt? All diese Klänge üben etwas anziehendes aus, von dem ich mich schwer lösen kann. Da geht der angenehm pluckernde Bassverlauf fast schon unter, während sich noch unscheinbarer im Hintergrund fast schon etwas magisches entwickelt. Vor meinem Auge erscheint so etwas wie ein verbotener Wald und immer wieder dieses knisternde Feuer, was es zu finden gilt…

Song About Freedom. Noch so ein Song, der berauschend wirkt und sich eher mit Distanz und kühlen Tönen in einen schleicht. Die Melodie bleibt hängen, fesselt, lässt nicht mehr los. Alles spielt perfekt zusammen für diesen Effekt. Es hat eine Wirkung, aus der man sich selbst nicht lösen kann, die nicht zu kontrollieren ist. Man wird quasi übernommen. Hier hat der Song die Freiheit mit dem Hörer zu tun was und wie ihm beliebt…

Midnight Visions überzeugt mich mit seiner kühl-rauschhaften Reise, Frische und Distanz, mit der Schönheit der Schatten, die ein Zusammenspiel ergeben, welches das Album zu dem macht was es ist: nämlich der kühle Rausch der Mitternacht in dem man sich selbst völlig neu entdecken kann! Es ist abtauchen aus dieser elend hektischen Welt in die eigenen, ruhigen Tiefen des Seelischen, aus denen man mit einem klaren Geist wieder auftaucht und den nötigen Abstand zu dieser Welt spürt und finden kann, den man so lange gesucht hat.

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