Ein Spaziergang im Vertrauen der Nacht


Im November 2014 brachte Martin Kohlstedt sein zweites Album heraus. „Nacht“ heißt es und schließt direkt an das Vorgängeralbum an, es setzt nämlich den Tag fort. Und auch dieses Album trägt eine tiefe Offenheit in sich, die sich nach und nach in einem selbst entfaltet, wenn man in sie eintaucht und genauer hinhört.

Cover Nacht. Quelle: Bandcamp.com

Cover Nacht. Quelle: Bandcamp.com

Nicht nur das Cover zeigt eine Landschaft aus Bäumen und Sträuchern im dunklen Nachthimmel, sondern diese setzt sich im gesamten Artwork fort, denn da ist noch viel mehr: nämlich die Berge mit ihren Wasserfällen, der Fluss auf dessen Wellen sich das Licht des Vollmonds bricht und der Bergsee der sich andeutet, sowie vereinzelte Tannengruppen und dieser unglaublich wunderschöne Baum mit seinen weißen Blättern, der einen ganzen Moment für sich einnimmt. Weil er mit seiner Schönheit so unglaublich viel Ruhe und Stille ausstrahlt und all das ihn ganz allein auf ganz besondere Weise in der Dunkelheit strahlen und leuchten lässt, sodass er mit seiner faszinierenden Stille auch gleichzeitig der Lauteste ist. Diese kleine ganz eigene sichtbare Welt eröffnet zusammen mit der Musik (s)einen ganz eigenen Raum. Jeder Song ist eine Entdeckungsreise dieser Landschaft.

Ich streife durch diese Landschaft. LEH finde ich zwischen einer der Tannengruppen am Fluss. Es bringt gleich in den ersten Tönen etwas Leichtes und gleichzeitig Ernstes mit. Im Laufe tritt diese Ernsthaftigkeit in den Hintergrund und aus den schwebenden ersten Tönen entwickelt sich eine gewisse Freiheit, die sich mit ihren tiefen und großen Tönen förmlich nach oben kämpft. Die kleinen, leichten Töne und die großen, schweren Töne beschwören sich gegenseitig in einem Sog herauf und halten einander fest und ergeben zusammen eine Energie, die einem gemeinsamen Tanz gleich kommt. Und das, was eben noch so ernst war, formt sich zu etwas, das mit seiner Tiefe einen Halt gibt, der ebenso tief berührt und auf eine Reise mit nimmt bei der man für einen kurzen Augenblick ebenso schwere los zu sein scheint, wie der Song selbst. LEH richtet mich auf und schenkt für einen kurzen Augenblick die Fähigkeit klar nach vorn in Richtung Zukunft zu schauen. LEH scheint ein Tanz vieler kleiner Wesen zu sein, die sich vom Wind tragen lassen. Aus dieser Schwerelosigkeit wird eine sanfte Landung, der man sehr aufmerksam zuhören sollte, da sie etwas Ernstes erzählt. Mit Vorsicht werden Türen aufgestoßen, um zu schauen, was dahinter ist. Ist es vielleicht der Held, der von seinen (inneren) Verletzungen spricht, die am Ende fast schon wie böse Geister in den letzten dunklen Tönen über uns schweben…?

GOL. Seit dem ersten Hören erinnert mich GOL mit seiner Stimmung zu Anfang immer wieder entfernt an einen Song der Hundreds von ihrem Aftermath-Album. Er bringt Wärme und Kälte zugleich mit. In seinen tiefen dunklen Tönen wirkt er fast erschreckend und man möchte ein wenig auf Abstand gehen, vor allem, wenn sie gegen Ende an Intensität zunehmen. Aber sobald die tiefen Töne eine warme Klangfarbe erhalten, geben sie Halt und zusammen mit den hohen Tönen entwickelt sich so etwas wie Neugier, die mit viel Freude ihren Weg findet. Aber dann ist da auch bald wieder die mahnende Stimme im Hintergrund, die zurück ruft und eine Spannung zwischen beiden entstehen lässt, die sich steigert und am Ende in einem Gewitter entlädt.

PHY trägt die Nacht in ihrer Ruhe durch das Gras und die Sträucher dieser Landschaft. Sie immer wieder sanft streichend. PHY ist zerbrechlich, man muss behutsam mit ihm sein und in genau dieser Zerbrechlichkeit liegt eine unbeschreibliche Magie, die alles füllen kann und die Landschaft dieses Albums mit einem Zauber überzieht. Hört man genau hin, dann kann man Staub eines dunklen, leeren Raumes nach seiner Melodie tanzen sehen. Still, leise und fast schon heimlich, um doch unentdeckt zu bleiben. Die Ruhe, die das Stück dabei ausstrahlt trägt eine Menge Melancholie und Traurigkeit und klingt in manchen Momenten wie ein Abschiedstanz in dessen aufgewühlt sein und Chaos für einen kurzen Moment das innere Verlorensein und der Schmerz darüber erklingt und tief spürbar wird. Aber in all seiner Zurückhaltung gibt es auch Momente, in denen PHY etwas auftaut nicht länger scheu scheint und auf uns zugeht und somit live geradezu dazu einlädt einen improvisierten Teil der eher jazzigen Art darin einzufügen und dem stillen aber tiefen Wasser zu lauschen, was es zu sagen hat…

EXA. Ich liebe dieses Stück für seine Energie und Dynamik! Der Beginn des Stücks gleicht einer Welle, die mit jedem Ton näher kommt und so fällt mir EXA entgegen als es sich einen der vielen Wasserfälle mutig hinunter stürzt, um kurz darauf für einen Moment zur Ruhe zu kommen. Um dann erneut dynamisch und wie das Wasser selbst beweglich und an keine Form gebunden erneut durchzustarten, um dann wieder Ruhe zu finden, um schlicht durch den Fluss zu treiben und mir dabei viele, viele aufregende und aufwühlende Geschichten zu erzählen. EXA scheint ein rastloses Wesen zu sein und entschwindet mit dem letzten ruhigen Ton hinaus in die Nacht, um seinen Weg fortzusetzen. Inzwischen ist auch ein Rework Album der Nacht erschienen, das mit einer sehr empfehlenswerten EXA-Version von Douglas Dare eröffnet wird und das Stück auf einer ganz anderen Ebene völlig neu interpretiert und damit etwas offen legt, was bisher im Stück selbst verborgen war.

AHR ist ein sanfter Tanz, der mit seinen warmen und weichen Klängen dem Mondlicht folgt. AHR erzählt mir mit seinem Tanz durch die Nacht von Einsamkeit und Entfernungen. All das löst sich aber genau dann auf, wenn die liebevoll warmen und tiefen Töne erklingen und er mir eine Umarmung schenkt und wir voller Freude umeinander tanzen und den Moment genießen, um kurz darauf mit traurigem Blick wieder los gelassen zu werden und wir uns Stück für Stück für einen letzten innigen Abschied wieder näher kommen, bevor AHR mit ein paar letzten Tönen für den Rest der Nacht verstummt.

NIO ist ein sehr erholsames Stück und mit seinem Rhythmus sehr erfrischend und immer fließend. Weshalb er ebenfalls am Fluss zu Hause ist. NIO ist offen, bringt Leichtigkeit und Unbeschwertheit mit lässt vergessen und nimmt mich auf einen Spaziergang mit, der kurz ist, aber gut tut. Seine Energie bleibt noch lange im Ohr. So setze ich meinen Weg fort und treffe auf

VET. VET war bereits in der Entstehungsphase ein Tänzer und ist es auch auf dem Album geblieben. Ein Tänzer der durch seine Bewegungen und durch seinen Rhythmus überzeugt und dabei so leicht und unkompliziert wirkt. Ich werde das Gefühl nicht los, dass er mir aus seiner Kindheit erzählt, voller Freiheiten, Entdeckungen und Erlebnissen. Und immer hat er dabei ein Lächeln auf den Lippen. Teile des Stücks erinnern an die klänge einer Spieluhr in der gerade eine Puppe tanzt. Zum Ende gewinnt das Stück eine sehr ansteckende Dynamik, die tatsächlich zum selbst tanzen einlädt und nur schwer wieder los zu lassen ist.

ELL ist einer der berührendsten Momente des Albums und begegnet mir deshalb auch unter dem so weiß strahlenden Baum. Es bringt einen Zauber mit. Einen Zauber aus Schneeflocken, deren fallen leise und deutlich spürbar ist. Das fallen jeder einzelnen Flocke kann ich auf meiner Seele spüren, kann spüren, wie sie in mir landen und dabei tief berühren. Aber auch ELL selbst zeigt sich schonungslos offen, weshalb ich mich ihm anvertrauen kann und wir ineinander fließen und eins werden. Dabei lässt sich in all seiner Dynamik die darin verborgene Ruhe entdecken.

Ist ELL auf dem Album noch ein Dialog zwischen mir und dem Song öffnet die Version von Christian Löffler auf dem Reworks-Album ELL für eine Tiefe und Weite, die nach außen führt und schenkt ihm die dafür notwendige sanfte und behutsame Art und Weise, die es braucht, um den Zauber zu erhalten und mit ELL weiterhin und trotz der Offenheit nach außen in einem Zwiegespräch zu bleiben.

YAL trägt die Nacht in all ihren Facetten mit sich. Zu Beginn sind das vor allem die schönen und einladenden Momente und die Nacht mit ihrer ganz eigenen und nur für die Nacht typischen ruhigen und auch ganz eigenen aufgewühlten Momente, die auch immer wieder eine fast schon erschreckende Klarheit spüren lassen, wenn man sich auf sie einlässt. YAL selbst ist aber offenbar eher so etwas wie das tosende Meer, das nur kurz und langsam ein wenig Ruhe findet und aus dieser Ruhe heraus wird es plötzlich unglaublich melancholisch, nachdenklich und traurig. Es ist eine gewisse Schwere zu spüren, die aber in der Klarheit der Nacht selbst wieder aufgefangen wird und so etwas sehr Schönes und Leichtes in der Melodie schwebt, fast wie ein Glühwürmchen, das in der Dunkelheit immer wieder kurz auf blitzt und dem man unbedingt folgen möchte, um zu wissen, wo es einen hinführt – und plötzlich aber doch wieder von der alles umgebenden schwarzen und bedrohlichen Dunkelheit geschluckt wird.

War der Tag ein vergleichsweise direktes Album, in dem man die Umtriebigkeit des Tages in seinen lauten, aber auch leisen Momenten immer deutlich spüren konnte, holt die Nacht das hervor, was am Tag verborgen bleibt und kann im Schutz der Dunkelheit all das vortragen, was im alles enthüllenden Licht zu schmerzhaft wäre. Die Nacht schenkt dieses ganz besondere Vertrauen, was man in Martins Stücken immer wieder spüren kann und welches er nutzt, um all die (sonst verborgenen) Schmerzen, Qualen, Nachdenklichkeit, Melancholie, Spannungen des Tages Traurigkeit, aber auch die so ganz andere und ruhigere, vorsichtigere Umtriebigkeit der Nacht in schöne und sehr berührende Momente fließen zu lassen. Sodass die Nacht ein schonungslos offenes Album ist und genau deshalb so unendlich viel (Tiefe) zurück gibt.

Danke, Martin!

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