Die Wandelbarkeit der Dunkelheit


Lambert macht Pianomusik. Seine Pianomusik. Doch da ist noch viel mehr als das, denn die Maske, die er dabei trägt, ist nicht einfach nur ein Schutz. Sie gehört zu seinen Stücken, sie hat einen Einfluss auf sie: Mal erscheinen sie dadurch mystisch, mal spannend, mal geheimnisvoll, mal hat es etwas Rätselhaftes. Es ist unglaublich spannend mitzubekommen, was diese Kombination beim Hören auslöst. Es eröffnet für die Stücke eine völlig neue Ebene auf der man hören kann – nämlich auf eine ganz direkte Art und Weise in sich hinein, obwohl man gerade jemand und etwas anderes ansieht. Und genau das ist es, was die Verbindung zwischen Maske und Musik ausmacht – der Mehrwert für den Hörer.

Es ist eine Maske, die an einen

Lambert.

Lambert.

Stier erinnert und dessen Hörner in eine Art Fühler übergehen und somit aus dem Stier etwas Sanftmütiges machen und zwei Dinge vereinen. die man für gewöhnlich nicht zusammen bringt. Wem das alles immer noch zu seltsam oder gar gruselig erscheinen mag, der sollte auf die Augen hinter der Maske achten – sie machen aus Lambert ein freundliches Wesen.

 

 

Mit „Stay In The Dark“ veröffentlicht er sein zweites Album. Alle Stücke dieses Albums sind nachts entstanden.

Danke, an Markus Göres für das Rezensionsexemplar.

Cover

Cover

Talk! Die laute nach innen gekehrte Seite nach außen bringen. Talk ist ein getriebenes Stück. Mit Spannung, das in manchen Momenten vor etwas weg zu rennen scheint. Es wirkt fast chaotisch, aber hört man genauer hin, erzählt die Melodie eine Geschichte, die sich Stück für Stück findet und immer wieder zusammengesetzt werden will, bevor sich ihr neu gefundener Teil wieder verliert. Es ist das Zusammenspiel zwischen Rhythmus und Melodie, welches genau dieses Zusammensetzen möglich macht. Sie ergänzen sich beide gleichzeitig und erzählen dennoch aus zwei verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Stimmen.

As Ballad ist ein Stück, das mich vom ersten Ton an tief berührt. Es ist dabei sehr vorsichtig aber auch neugierig. Die tiefen Töne strahlen etwas Beruhigendes aus, während alles andere versucht zu entdecken. As Ballad lässt schwelgen und schweben, lädt zu einem Tanz ein, bei dem jeder Schritt mit Bedacht gesetzt wird und dabei immer auf den anderen Acht gibt und so auch immer wieder Rücksichtsvoll zu mir ist. Das Stück öffnet sich, während die tiefen Töne den Tanz weiterführen und die hohen Töne ausschwärmen – bevor sich im nächsten Moment alles wieder fängt und Ruhe ausstrahlt und gleichzeitig sagt jeder einzelne Ton hör mir zu! Hör mir genau zu, ich will dir etwas Wichtiges sagen. So entsteht eine Atmosphäre des Innehaltens, Lauschens und zur Ruhe kommen. So schenken sich Song und Hörer gegenseitig eine Umarmung und lassen sich von den Wellen des Stücks einfach davon tragen und es fühlt sich trotz der Vorsicht und Zerbrechlichkeit des Songs sicher an, denn diese Sicherheit und stärke dieser Umarmung findet sich in genau dieser fragilen Art und Weise.

Stay In The Dark. Andere Sphäre dunkler Weltraum. In welche Welt eintauchen? Zuversicht etwas tragendes.- wie trägt es? Streicher mit dessen halt das Klavier in die schönen unbekannten Welten der Dunkelheit vordringen kann. Bevor das Thema des Stücks wieder aufgegriffen wird und sich wie ein warmer Mantel um einen legt und man noch eine ganze Weile bleiben möchte.

Lose beginnt träumerisch und kreiert eine Atmosphäre der Nacht im weißen Mondlicht. Dabei entsteht ein Tanz, der mich in seiner Bewegung und in seiner Melodie an Kindheit erinnert und dabei behutsam ist. In dieser Melodie des Tanzes stecken zwei Töne, welche mir diese ERINNERUNG ganz besonders eindrücklich mit einem tief berührenden Gefühl deutlich machen und dabei zieht sie wie ein Filmstreifen an meinem Auge vorbei. In diesen schönen Melodien des Tanzes, die im Kontrast zum tiefen dunklen, aber auch vorsichtigem Rhythmus stehen, findet sich ein ganz eigener Zauber, der die Tanzschritte aufblitzen lässt. Dieser Zauber leuchtet in dieser angenehmen Dunkelheit und die Erinnerung ist eine Erinnerung, die nicht zu mir selbst gehört, aber vielleicht zu Lose? Es Eine unbeschwerte Kindheit mit genau diesem Zauber, den der Moment durch die Melodie verliehen bekommt, während alles andere weiter fließt. Ein Zauber, der mich immer wieder an einem ganz bestimmten Moment staunend und berührt zurück lässt. Aber was mich da berührt verrät mir Lose (noch) nicht. Und dann ist da noch diese nachdenkliche, leicht melancholische Melodie, die mit ihrem deutlich starken und spürbaren Rhythmus immer wieder Kraft gibt einfach weiter zu gehen und dem Tanz nicht nachzutrauern. Gepaart mit der Erinnerung, ist dieser Moment ein angenehmes loslassen, während sich im Hintergrund andere leise begleitende Töne neben dem Klavier leise herein schleichen, die man vorsichtig beobachten kann.

Noise ist das Gegenteil zu Lose. Schnell und wendig ist das Stück zu Beginn, bevor es einen kurzen Moment innehält und sich mit einem brummenden, tiefen schönen Rhythmus selbst ein wenig bremst und dann beginnt die Geschichten seiner Reise zu erzählen. In ihnen erklingt ganz viel Leidenschaft und Liebe, die sich genauso euphorisch und liebevoll im ruhigen Rhythmus des Stücks wieder findet. Aber da ist auch der Schmerz der Sehnsucht und des Vermissens, für diesen einen Augenblick, indem das Klavier selbst nicht im Vordergrund steht. Und immer wieder berührt mich dieser eine, warme Moment im Bass des Rhythmus, der immer wieder aufs Neue ganz unverhofft aufzutauchen scheint. Streicherklänge nehmen die Sehnsucht auf, während ihr der Rhythmus seine Wärme schenkt und die Melodie plötzlich einen so sanften Ton annimmt und weiter ihre Geschichte erzählt. Im nächsten Moment jedoch, nehmen alle einen sehr ernsten Ton an, der aber wenige Sekunden später für einen kurzen Augenblick wieder gebrochen wird und alle beteiligten unerwartet verschwinden, ohne dass man sie dabei beobachten könnte. Erst, wenn man mehrmals genauer hin hört gelingt es einen Augenblick dieses Auflösens zu erhaschen.

Birds. Ein Teil des Soundtracks zum Film „Heidi Schneider steckt fest“. Ein launischer und munterer Dialog zwischen Vögeln, der beinahe einer Achterbahnfahrt gleich kommt. Zwischen aufgeregtem, wichtigem und wütendem Gezwitscher wechseln Melodie und Rhythmus ihre Farben bzw. ihr Federkleid und schlüpfen in die Rolle des jeweils anderen, um den Dialog entstehen zu lassen.

H. H, weil diese Note im Stück dominiert. Es beginnt ruhig und angenehm. Ein Moment zum innehalten und durchatmen. Ganz plötzlich sind sie da und überraschen mit ihrem Besuch und sie geben einem das Gefühl, als wären sie und das Klavier schon eine Ewigkeit befreundet. Die Bläser. Gemeinsam strahlen die verschiedenen Instrumente noch mehr Ruhe aus, während die Bläser eine ganz besondere Kraft mitbringen. Behutsam spielen sie in dieser Ruhe des Stücks, darauf bedacht nichts vom Innehalten zu verletzen, sondern es noch stärker mitzutragen. Sowohl in Klavier als auch den Bläsern klingt etwas Trauriges aber gleichzeitig liegt genau darin auch Zuversicht mit, die von der Traurigkeit befreit. Vor allem die Bläser erheben sich sanft über diese Melancholie und ermöglichen einen neuen Blick.

The Ship. Noch einmal Bläser gibt es zum Abschluss des Albums. Die Bläser lassen das Schiff einsam auf dem Meer schweben, während das Klavier Wind und Wellen bringt. Ungefährlich und freundlich zu Beginn, doch ab und an mischt sich eine böse Windböe dazwischen. Es ist ein kurzer, gemeinsamer Ausflug der beiden, denen wir Still und aus der Distanz bei ihrer Begegnung zuschauen können. Wie sie aufeinander eingehen, manchmal für eine Sekunde miteinander ringen müssen, um sich nicht zu verlieren, bevor es wieder still und ruhig wird und sich beide weiter treiben lassen.

Die Stücke auf Stay In The Dark offenbaren sich nicht vom ersten Moment an so wie es beispielsweise bei Martin Kohlstedt der Fall ist. Hier braucht man Zeit. Zeit, sich auf die Stück einzulassen, um sich mit deren ganz eigener Dunkelheit vertraut zu machen und Stück für Stück tiefer zu tauchen, Moment für Moment für sich zu entdecken. Ist einem das einmal gelungen, dann bricht und öffnet sich diese vermeintliche Oberfläche und in der Dunkelheit findet sich unglaublich viel Schönheit. So haben die Stücke auch immer so etwas wie zwei Seiten. Die eine, die mit Abstand und ohne intensives hin hören auch immer eine gewisse Leichtigkeit vermittelt und die andere, die bei genauerem hin hören eine ganz besondere Intensität entwickelt, Spannung aufbaut und auf eine Reise mit nimmt.

Genau diese Mischung aus Intensität und Leichtigkeit und deren auch immer wieder spürbares Spannungsverhältnis ist es, das Stay In The Dark immer wieder neue und andere Geschichten erzählen lässt und so immer wieder neue Entdeckungen bereit hält.

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